In Bad Harzburg

8. Mai 2026 · Bad Harzburg

Freitag. In der Fußgängerzone ist nicht viel los, nur ein paar ältere Damen laufen dort entlang, schieben ihre Rollatoren vor sich her. Sie tragen alle diese hellen Steppjacken, die im Sale etwa 129 Euro kosten. Beige und hellbraun, manche sind immerhin blau oder rot. Ich frage mich, wie ich herumlaufen werde, wenn ich alt bin. Einfach so wie jetzt? Mit New-Balance-Schuhen, über die sich die jungen Leute (dann) lustig machen?

Im Bäcker-Café sitzen Ehepaare und ein einsamer Mann, der eine miese Fresse zieht. Seine Laune stülpt sich nach außen. Sie alle schauen raus aus dem Schaufenster: Der Himmel ist ganz grau. Ich laufe weiter, mein Ziel: Rossmann.
Manchen Damen sieht man an, dass sie Geld haben, mehr Geld als andere. Sie trinken gern Weißwein: Wo ist denn nur der Weinhandel? Die Dame wundert sich. Findet den Eingang nicht. Ein paar Freaks sind da auch, lustige Leute in zu bunten Klamotten. Knallblaue Jacken. Rote Haare. Barfuß. Im Edeka müssen sie sich auf der bereitgestellten Bank ausruhen.

Stillos, aber sauber

Deutschland gibt sich Mühe, das Land in Ordnung zu halten und es sauber zu machen. Doch schön sind die Dinge deshalb nicht, da viele Menschen keinen Geschmack haben. Da hilft auch das viele Saugen und Wischen und Waschen nicht. Stillos bleibt ebendas. Und alles muss zwanghaft beschriftet werden: «Coffee» steht auf der Tasse, «Feuer und Flamme» auf dem Kerzenglas. «Welcome» auf der Fußmatte. «Wanderlust» im Bildrahmen. Auf dem Aschenbecher steht: «Sparkasse». An die schönsten Häuser montieren Deutsche die hässlichsten Schilder. Und Verbote. Die Fläche nicht betreten, nicht herumliegen.


Gastro be like: Latent unfreundlich, neutral, keine Leichtigkeit, keine Lust auf Gäste. Eher: Wenn‘s denn sein muss. Als Gast habe ich eher das Gefühl, zu stören, auch im Geschenke- und Spielzeugladen. Dass man selbst der Elefant im Lädchen ist. Dass die alte Tante an der Kasse denkt: Der Depp soll mit seinem beschissenen Rucksack aufpassen. Das Kind ohnehin! Das soll hier nichts in Schutt und Asche legen. Dieser dunkle Laden, eng und braun (wie die deutsche Vergangenheit) und recht teuer.
Immerhin darf man mit Karte zahlen. Beim Bäcker geht das erst ab fünf Euro. «Nervig, ich weiß», sagt der Verkäufer. Aber der Chef will es so. Hafermilch gibt es auch keine, obwohl die Leute immer danach fragen. Aber, ach, es sei mit der Kalkulation so schwierig, weil die Hafermilch anders besteuert wird. Es ist wahrlich eine Bürde. Kann mir gar nicht vorstellen, dass viele Kunden nach Milchalternativen fragen, aber womöglich irre ich mich. Es wirkt so, als würden die Leute hier am liebsten ihre Ruhe haben – keine Touristen, bitte, aber dann verdienen sie hier nichts. Der Baumwipfelpfad lockt immer mehr Leute an, die überall herumstreunen.

H30 zum Abendbrot

Abendessen beim «Asiaten». Die Bedienung ist neutral, aber mit einem Hang ins Unfreundliche. Sie wirkt wie ein Roboter, hat dennoch einen eigenen Willen und dieser Wille will nicht bedienen. Sie muss aber, es ist ihr Job. Also steht sie da mit ihrem schmalen Zettel und notiert: H30, H41, H7 und Wasser und ein Bier. Mir ist danach, es ist ein chinesisches Bier.
Leider geht beim Sushi etwas schief, statt Avocado ist Gurke in den Maki. Und die Essstäbchen sind offenbar benutzt (weil dreckig). Eine Beschwerde später grapscht die Bedienung nach den falsch gefüllten Maki und schafft sie fort. Sie stehen später noch hinter der Theke, an der ich stehe, weil ich endlich bezahlen will. Kein Trinkgeld gegeben, die Rache des kleinen Mannes, aber sie hat uns schlecht behandelt, alles war irritierend, immerhin fand ich das Essen an sich gelungen, im Kern, aber der Service war mies und wir bekamen zudem zweimal Ärger: Nicht im Weg herumstehen! Nicht den Springbrunnen berühren! Verpisst euch.


Der Wald ist ganz still, der bewaldete Berg. Da regt sich nichts. Kein Rascheln, kein Rauschen, aber man kann den Fluss hören, der da irgendwo durch den Ort fließt. Immerhin ist der Wald schön grün.


Mittagessen im «Port Louis»: 52,90 Euro. Schnitzel für 19,80 Euro; stilles Wasser für 6,90 Euro. «Ihr Kellner: Bediener 3.» Wir bekommen «Rechnung Nr. 1», wir sind also die ersten Gäste an diesem Freitag. Es ist hier irgendwie gemütlich, aber es ist alles auch ein bisschen schlimm. 4,2 Sterne bei Google, Cappuccino für 4,40 Euro, ital. soll der sein. War OK, aber 2,50 Euro wären angemessen gewesen. Die Bedienung wirkte müde, zeitweise lethargisch. Sie versank im Handy, es muss ein langweiliger Arbeitstag sein. Da waren auch keine Kunden, nur wir drei: Vater, Mutter, Kind. Der Koch setzte sich nach der Zubereitung unseres Mittagessens wieder nach hinten und schaute ebenso ins Handy.


Modern wirkt Bad Harzburg nicht. Auch nicht jung oder gar urban. Hier sind nun einmal viele ältere Herrschaften, die stehen bleiben, um Dinge zu betrachten. Ein Haus, ein Auto («aus China») oder andere Menschen (uns). Sie starren. Sie gaffen. Sie glotzen. Ihnen fallen bald die Augen aus den Augenhöhlen. Sie bleiben beizeiten extra stehen, um zu kommentieren.

Da sind auch prollige Leute: Raucher, Trinker, (unleserlich). Eine Frau sitzt im Rollstuhl, ihre Hände ruhen auf ihren Brüsten. Sie hat sich ihren Vaper mit Klebeband an die Hand geklebt. Sie braucht sich nur leicht vorzubeugen, um an dem Gerät zu saugen.

An einem Tisch vor einer Eisdiele sitzen sie. «Du hast die Situation gut gelöst», lobt eine Frau die andere. Sie hat ihren Hund dabei und nimmt das Lob dankend an. Offenbar hatte ein anderer Hund ihren Hund angebellt und wollte ihn zerfleischen.
«Dann sagt se auch mal was», erklärt die Frau und meint ihren Hund, der dann mal zurückgebellt hat.
Wenn es um die Hunde geht, werden diese Menschen ernst. Es ist ein wichtiges Thema. Der Hund, ihr Freund, ihr Begleiter, der stellt keine Fragen, der lacht nicht über sie. In diesem Ort wird ohnehin viel über die Haustiere, die einmal Wölfe waren, gefachsimpelt; sie tauschen sich aus über die Eigenheiten der Hunde. Wie viel sie wiegen und welche Operationen sie hinter sich bringen mussten und was das gekostet hat. (4000 Euro.) Hunde und Alte sind in diesem Ort zu betrachten. Manchmal Kinder und junge Familien. Aber die Rollatoren sind im Vergleich zu Kinderwagen in der Überzahl. Deutlich. Sie dominieren. Und überall liegt Hundekacke herum, etwa im Stadtpark, auf den großen Rasenflächen: überall Scheiße.

Busfahrt

Eigentlich wollten wir zu Fuß zurück zum Bahnhof laufen, doch es regnet in Strömen. Also warten wir an der B4 auf den 871er. «Berliner Platz» heißt die Haltestelle. Da ist tatsächlich ein Platz: ein Parkplatz.
Der Busfahrer ist ein grummeliger Herr; komplett grau von oben bis unten, auch seine Haut ist grau, ebenso sein Bart und seine Kopfbehaarung. Er hasst seinen Job abgrundtief – immerhin liebt er den Bus, aber die Passagiere müssten nicht sein, wenn es nach ihm ginge, aber es geht ja nie nach ihm.
Als wir hinten einsteigen, fragen wir gewissenhaft, ob er unsere Tickets sehen möchte (muss). Er starrt ins Nichts, fährt aber nicht los, was wir als eine Bejahung interpretieren; lustlos schaut er auf unsere Displays. Dann fährt er endlich los. Der Bus wird durch seinen Menschenhass angetrieben, die Stadt spart daher viel Geld für Benzin. Er ist daher ein wertvoller Mitarbeiter in diesen schwierigen Zeiten. Unhöflich ist er dennoch. Später steigen wir in den Zug. Abfahrt nach Hannover.