Böllern ist doch blöd

29. Dezember 2025

Jedes Jahr die gleiche Diskussion: Sollte das private Böllern verboten werden? Die Mehrheit ist dafür, doch nichts passiert. Also säumen abgefetzte Finger die Straßen.

Wahrscheinlich ist es so, dass einem Drittel der Bevölkerung das Böllern zuwider ist. Weil sie Hunde haben, weil sie den Krach nicht mögen. Das andere Drittel ist irgendwie normal, also gemäßigt: Das sind Leute, die durchaus Geld ausgeben, um kleine Raketen in den Himmel zu jagen. (Die Nachbarn schauen beeindruckt zu, das ist wichtig.) Das letzte Drittel sind die Spinner, die auch «Polenböller» kaufen oder gleich TNT im Darknet. Sie wollen Krieg an Silvester, sie schießen die Raketen auch auf Menschen. Sie wollen die Welt in Flammen sehen.

Beispiel: Es war einmal ein junger Mann, der sich komplett schwarz anzog und zwei Holster für Raketen bastelte. Auf dem Rücken hatte er sich einen schwarzen Rucksack geschnallt – einen Rucksack voller Sprengstoff. Der Mann trug Handschuhe und lief die Geibelstraße entlang, hin zum Maschsee, wo die Hannoveraner das neue Jahr begrüßten. Der Mann feuerte wie eine Maschine seine Raketen und Böller ab, er böllerte sich in den Wahn, aber er liebte es. Er war allein unterwegs, allein in seiner Uniform, allein mit seinen Raketen. Komischer Kerl, dachte ich, und hielt mich fern von dem. Es war das Jahr, als wir mit Freunden den Fehler machten, ans Maschseeufer zu pilgern, um ein schönes Silvester zu verbringen. Dort waren jedoch nur Idioten, die es ordentlich krachen ließen, ohne Rücksicht auf Verluste.


In den alljährlichen Gesprächen zum Thema Böllern und Böllerverbot schlägt immer jemand vor, dass es doch eine zentrale Veranstaltung geben müsste. Ein großes Feuerwerk, wunderschön, das sich alle anschauen können. Niemand muss dann mehr lächerliche LIDL-Raketen in den Himmel jagen. Die Umsetzung dieser Idee ist in Deutschland aber einigermaßen undenkbar, denn dieses seltsame Land setzt sinnvolle Vorschläge nur ungern um; am liebsten aber: gar nicht. Beispiele: Tempolimit und Verbrennerverbot.

«Frohes Neues!», trällern die besoffenen Nachbarn, die ich nicht kenne

Ich selbst hasse Böller. Habe sie immer schon gehasst. Als Kind, selbst als Jugendlicher. Flashback: Bei K. sitze ich mit F. und F., wir zocken und trinken Smirnoff Ice. Anbei ist ein anderer Kerl, dessen Namen ich vergessen habe. Er ist schweigsam und seltsam. Er trägt einen schwarzen Hoodie – ich weiß es aber nicht mehr genau. Um Mitternacht endlich raus, der Namenlose kann loslegen. Wirft einen Böller nach dem anderen auf die vereiste Straße, unter die Autos, in die Gullys. Wumms! Peng! Rumms! Er ist so glücklich. Es ist kalt, es riecht nach Rauch. «Frohes Neues!», trällern die besoffenen Nachbarn, die ich nicht kenne.

Ich hasse alles daran, keine Ahnung. Im Inneren bin ich wohl ein Hund, der friedlich auf dem Sofa liegen und dösen möchte. So ein professionelles Feuerwerk aber, das ist schon schön, da starre ich auch gern in den Himmel und schau mir das Spektakel an. Es müsste wirklich eine zentrale Veranstaltung geben, von der Stadt organisiert. Und dann eine Million Euro in den Himmel schießen, um die blöden Geister zu vertreiben. Oder wir lassen es bleiben und legen uns vor den knisternden Kamin und betrinken uns ganz friedlich.

Egal. Eine Sammlung

20. November 2025

Vor mir läuft eine Frau, die an einer Laugenstange knabbert. Deren Verpackung hält sie noch in der Hand, dann lässt sie die Tüte plötzlich fallen. Sie liegt auf dem kalten Boden. Die Tüte ist aus Papier und Plastik. Der Frau ist das egal, wie es Rauchern egal ist, wenn sie ihre Zigarettenstummel auf den Boden schmeißen. Die Frau wirft noch ihre angefressene Laugenstange weg, also nicht in den Mülleimer, sondern auf den Boden. Wohl ein Geschenk für die Tauben und Ratten.

In der U-Bahn-Haltestelle darf man nicht rauchen, die Frau im Pelzmantel tut es trotzdem. Sie ist stark geschminkt. Sie ist eine feine Dame mit auffälliger Brille. Sie genießt das Leben und das ein oder andere Glas Likör. Es ist ein schönes Leben, das sie lebt. Eine Ebene tiefer raucht eine andere Frau, aber ganz verstohlen einen braunen Stinker.

An der Kreuzung parkt ein Mercedes. Der parkt dort fast jeden Abend. Er darf es aber nicht, das Parken im Kreuzungsbereich ist verboten, wie einem die Fahrschule lehrt. Dem Mercedes-Fahrer ist das aber egal: Er hat einen tollen Premium-Parkplatz gefunden, deshalb steht er da allabendlich, trotz der Strafzettel, die regelmäßig unter seinem Scheibenwischer klemmen. Die paar Euro sind dem Fahrer egal, wahrscheinlich sind die Strafen günstiger als die Miete für eine Garage hier im Stadtteil. Dass im Ernstfall ein Löschfahrzeug nicht um die Kurve kommt: egal.

Seit einigen Tagen funktionieren die Klingeln nicht mehr. In dem Gebäude befinden sich eine Kita, ein Beratungsangebot für Flüchtlinge, Büros und einige Wohnungen. Dass die Klingel nicht klingelt, stört offenbar niemanden. Nicht einmal ein Zettel weist auf den Umstand hin, weshalb immer wieder Menschen vor der Tür stehen und sich wundern, dass niemand öffnet. Gelangt man irgendwie doch ins Treppenhaus, stinkt es immer noch nach Scheiße. Vor einigen Wochen hat ein Obdachloser vor die Haustür geschissen und die Menschen sind durch seine Scheiße gelaufen und haben sie im ganzen Treppenhaus verteilt. Egal. (Wird fortgesetzt.)

Tag mit Regen

28. Oktober 2025

Regen, viel Regen. Wir sind unterwegs zur Kita, der liebe Sohn und ich. Eine Viertelstunde dauert der Weg, und es regnet immer stärker. Ist ja gut für die Pflanzen, denke ich, wünsche mir zugleich aber Sonnenschein. Als wir endlich ankommen, hört der Regen prompt auf.

So ein Dienstag, irgendein Dienstag

Mittags muss ich den lieben Sohn früher als geplant abholen. Es regnet schon wieder. Und es hört prompt auf, als wir zu Hause ankommen. So ein Tag ist das also, so ein Dienstag, irgendein Dienstag.

Zwischendurch arbeite ich, zum Glück im Homeoffice, da hacke ich eine Menge Buchstaben in die Tastatur. Wichtig ist, stets flexibel zu bleiben. Planen kann man nichts, zeitweise keinen einzigen Tag im Voraus; die Betreuung bleibt beizeiten ein Glücksspiel. Ob also alle mitmachen. Ob alle gesund bleiben. Oder ob am Ende alles zusammenkracht. Es wird aber besser werden, das wird es doch immer. Dann ist nämlich Frühling.

Drängler

13. Mai 2025

Sven drängelt, fährt dicht auf. Er hat’s halt eilig. Hier ist aber nur 30 erlaubt – wegen der Schule, wegen des Spielplatzes, wegen der Kinder. Wir sind schon etwas zu schnell unterwegs, aber alles noch im Rahmen. Wir fahren vor Sven, wir sind ein Hindernis. Weil Sven immer mehr drängelt, fahren wir jetzt exakt 30 km/h, um den Kerl zu ärgern. Als wir abbiegen und er geradeaus fahren kann, gibt Sven ordentlich Gas. Er lässt seine kleine Karre aufheulen, drückt das Gaspedal wütend durch. Sven ist endlich frei. Er ist ein cooler Typ, denkt er, aber eigentlich ist er ein Lump. Zu Hause stopft er Kippen und bald muss er ins Gefängnis wegen der Dateien auf seinem PC. Mama sagt, er soll mal lüften.


Wir sind keine Minute auf der Autobahn, schon klebt der erste Drängler an unserem Heck. Ein junger Kerl im schwarzen BMW. Er heißt vielleicht auch Sven, er findet, dass alle Platz machen müssen, wenn er die Autobahn entlangfährt. Eigentlich sind nur 120 km/h erlaubt, wir fahren schon knapp 140, weil wir Lkw überholen – so viele Lkw, die zwei Spuren füllen. Sven will aber schneller fahren, also drängelt er. Nur, dass vor uns eben auch Autos fahren, die überholen. Es ist nichts zu machen: Sven muss sich in Geduld üben. Er sollte nicht so dicht auffahren, das müsste er wissen, aber es ist ihm egal, er ist ein echter Mann und der beste Autofahrer der Welt. Findet er. Als er uns endlich überholen kann, gibt er ordentlich Gas. Selbstredend. Sven ist wieder schnell. Langsam ist er nur im Kopf.

Rauchende Todesengel

3. Mai 2025

Viele Raucher nehmen keine Rücksicht auf andere. Als Nichtraucher möchte ich doch nur eines: frei atmen.

Sommer im April. Wir sitzen mit dem lieben Sohn vor der Dönerbude und essen Halloumirollen und Pommes und mehr. Die Dönerbude ist einigermaßen ranzig und ehrenlos; aber wir sind hungrig. Die Toilette ist eine Katastrophe: Sie gluckert und das Wasser läuft ständig und der Raum ist weiß gefliest und voller Kram. Wir mussten quasi durch die «Küche» latschen, mein Sohn und ich, um zur Toilette zu gelangen. Treppe runter. Es war dunkel. Plötzlich tauchte ein Mann auf und machte das Licht an, verschwand wieder. War er wirklich hier gewesen? (Ich sehe sein Gesicht in meinen Alpträumen.) Wir sitzen also vor der Dönerbude und essen, als sich der Chef an den Nebentisch setzt; er hat kurz Pause, gerade will keiner Döner bestellen. Der Chef sitzt am Nebentisch und raucht1. Wir essen Halloumirollen und Pommes und sitzen im Zigarettenqualm. Im Geiste vergebe ich zwei Sterne bei Google.


Wir befinden uns auf einem Gut, da stehen Ställe und ein prächtiges Herrenhaus. Eine große Eiche raschelt leise im Wind. Es gibt hier auch ein Café mit Außenbereich. Wir sitzen an einem großen Tisch, eine ältere Dame setzt sich dazu und schweigt. Sie sitzt einfach anbei. Unser Sohn pflückt derweil Gänseblumen auf der Wiese und erkundet die Natur. Plötzlich taucht ein Hund auf, der angerannt kommt und knurrend bellt. Eine Bestie! Ich muss meinen Sohn schützen. Das Tier reißt ein anderes Kind. Dann taucht sein Herrchen auf und sagt: «Brutus, spuck das Kind aus!»

Es sind Todesengel im dicken Qualm

Es erscheinen dann drei Omas, die sich an den Nebentisch setzen und wie auf ein Kommando alle drei ihre Kippen anzünden. Sie sind Todesengel im dicken Qualm. Sie besaufen sich und fressen Torten. Die alten Schachteln rauchen die Schachteln leer.

Wieso ist es eigentlich nicht üblich, als Raucher zu fragen: «Sagen Sie mal, stört es Sie, wenn wir hier unsere Glimmstängel abfackeln?» Wieso ist es selbstverständlich, dass Nichtraucher zu tolerieren haben, wenn Raucher nach dem Essen eine Kippe rauchen möchten (während andere noch essen)? Und wieso schmeißen Raucher ihre abgerauchten Stummel eigentlich wie selbstverständlich auf den Boden? In den Sandkasten? In den Wald? Wieso sind die so? Es gibt doch so kleine Aschenbecher für die Hosentasche. Kauft euch so einen bei Amazon.

  1. Kritiker würden nun einwerfen, dass wir den Chef doch hätten bitten können, woanders zu rauchen. Ich habe jedoch die Erfahrung gemacht, dass Raucher auf solche Bitten oftmals erstaunlich aggressiv reagieren – sie hätten doch jedes Recht dazu, draußen zu rauchen! Und es stimmt ja auch: Sie dürfen das. Zudem habe ich nicht immer Lust auf Konfrontationen. (Erstaunlich oft aber doch. Leider bereue ich es zu oft, mich mit Fremden gestritten zu haben.) ↩︎

Die Schaufel ist weg

26. März 2025

Eigentlich wollte ich nur schnell bezahlen. Doch dann muss die Verkäuferin die Kasse neu starten. Sie schaltet das Gerät aus, wartet und fährt die Rechenmaschine wieder hoch. Wie ein alter 486er. Es dauert ewig. Ich stehe derweil vor der Theke. Wie ein Idiot. Hinter mir stehen zwei Frauen. Sie müssen genervt sein. Ich hatte die Karte falsch herum ins Terminal geschoben, nachdem das Display mich aufgefordert hatte, die Karte einzuschieben. Chip zuerst! Doch der Chip guckte unten raus, weil ich nicht aufgepasst habe. Dann war alles kaputt.


Auf dem Spielplatz verbuddelt ein Kind unsere Schaufeln. «Die musst du aber wieder ausbuddeln», sage ich zu dem Kind, das sich sofort an die Arbeit macht. Doch schnell resigniert es: Die Schaufeln seien nicht aufzufinden. Ich müsse später wiederkommen, erklärt das Kind. Ich frage, ob es noch tiefer graben kann. Dann weint das Kind und rennt zur Mutter, die sich aber nicht sonderlich für den Jungen interessiert, weil sie sich mit einer anderen Frau unterhält. Ich grabe selbst, finde unsere Schaufeln aber nicht. Sie sind weg.

Willkommen im Jahr 2025! Dieser Beitrag ist der erste im neuen Jahr, die nächste Staffel beginnt. Der liebe Sohn wird bald zwei Jahre alt, er geht weiterhin in die Kita und ich arbeite derweil in Teilzeit. In dieser Staffel werden wir wieder viel auf dem Spielplatz abhängen und durch die Stadt streunen.

Probefahrt mit Lastenrad

7. März 2025

Neulich machte ich eine Probefahrt mit einem Lastenrad. Genauer: mit dem Carrie city von Mercedes, äh, Riese & Müller. Es fuhr erstaunlich agil, die Ausfahrt hat definitiv Spaß gemacht. Zweimal wurde mir die Vorfahrt durch Automobile genommen, aber das kenne ich nicht anders. Mit einem Lastenrad, dachte ich, falle ich vielleicht mehr auf. Das ist wahrscheinlich auch so, aber ernst nimmt mich trotzdem niemand.

Der nette Verkäufer hat dann noch ein paar Säcke auf die Ladefläche geworfen, um eine Fahrt mit Kind zu simulieren. Meinen echten Sohn durfte ich nicht einpacken, das sei aus Gründen nicht möglich, behauptete der Verkäufer. Mit der Ladung fuhr das Rad noch etwas ruhiger und stabiler. Hat Spaß gemacht.

Aber! Als wir dann im Autohaus, äh, Fahrradladen saßen und auf den Bildschirm starrten, wollte ich laut auflachen. Das Fahrrad mit Extras sollte 6.578 Euro kosten. «Den ganzen Laden wollte ich aber nicht kaufen», dachte ich und hätte es laut gesagt, wenn ich denn ein sog. Boomer wäre. Nach der Testfahrt und Beratung setzten wir uns auf unsere Fahrräder und fuhren im Nieselregen nach Hause.

Trinkgeldschlingel

12. Dezember 2024

Das Zwei-Mann-Team von DHL schleppt unser neues Bett in den zweiten Stock. Ich stehe im Flur und sage: «Dorthin, bitte.» Sie schnaufen. Draußen hupt einer, denn der kleine Lkw steht mitten auf der Straße. Der eine Mann rennt wieder runter, während der zweite Mann den letzten Karton hochschleppt.

Ich habe zwei Fünf-Euro-Scheine in der Tasche, die ich tags zuvor organisiert hatte: Zuerst versuchte ich mein Glück am Geldautomaten, aber der spuckte nur 20er aus. Also ging ich rüber in den Hofladen und kaufte einen Aufstrich und Tomaten. Ich zahlte bar und bat um zwei 5er als Rückgeld. Die Verkäuferin hielt inne. Die 5er seien aber rar, behauptete sie. Könne sie eigentlich nicht machen. Sie zögerte. Überwand sich. Sie gab mir die beiden Scheine.

Der eine Mann blieb unten, saß schon im Wagen. Also gab ich dem zweiten Mann die beiden Scheine. Was vielleicht dumm war: Womöglich hat er sie beide behalten. Und sind fünf Euro p.P. eigentlich zu viel? Zu wenig? Und hat er nun zehn Euro Trinkgeld bekommen, dieser Schlingel?

Rückkehr im Oktober

12. Oktober 2024

Meine Elternzeit endet, ich muss wieder ins Büro. Dort wartet Tristesse.

Nach dem Drop-off in der Kita kann ich jetzt nicht mehr ins Café gehen: Ich muss stattdessen wieder zur Arbeit gehen, ich muss zurück ins Büro. Muss mit der Bahn fahren, zusammen mit den anderen Menschen, die ebenfalls irgendwohin müssen. Einer schaut sich ein Video auf dem Handy an, Kopfhörer hat er aber keine, der Ton ist blechern. Medizinstudentinnen reden über ihre Haus- und Doktorarbeiten. Ich bin hundemüde und starre aus dem Fenster. Gern hätte ich ein Buch dabei, aber ich habe es vergessen, es liegt zu Hause. Gern wäre ich woanders, gern wäre ich zu Hause. Im Homeoffice. Aber ich rumple durch den Raum. Hätte ich doch das Fahrrad genommen.

Montag

Am Montag sitze ich allein im Büro. Da ist ein Fleck auf dem Stuhl. Fast zweitausend ungelesene E-Mails liegen in meinem Postfach. Ich bin wieder da, aber das ist egal. So ist das Arbeitsleben: Arbeitswoche reiht sich an Arbeitswoche, dazwischen liegen die Wochenenden wie Inseln in einem endlosen Ozean. Ich bin enttäuscht über das verkorkste Onboarding. Immerhin war ich ein halbes Jahr weg. Doch es ist sinnlos, das habe ich eigentlich längst begriffen – bestimmte Dinge werden sich niemals ändern. Ich werde wohl nie das Gefühl haben, wirklich angekommen zu sein. Ich muss etwas ändern.

Dienstag

Dienstag muss ich den lieben Sohn mittags aus der Kita abholen – sie zersägen Bäume im Hinterhof, ein Kettensägenmassaker, ein Höllenlärm, die Kinder können nicht schlafen. Also mache ich eine lange Mittagspause und der Sohn schläft in der Trage; ich laufe durch den Stadtteil wie vor ein paar Wochen schon, als ich meine Elternzeit damit verbrachte, den schlafenden Sohn durch die Stadt und durch den Wald zu tragen.


Mittwoch: Arbeit. Donnerstag: Arbeit. Freitag: Arbeit. Dann Feierabend, und die erste Arbeitswoche ist geschafft. Die erste Woche mit Kita und Arbeit und Einkaufen und Terminen und E-Mails und Aufgaben. Als wäre es nie anders gewesen.

Ich sitze in der Bahn, da sitzen die anderen Gestalten, Figuren, Menschen, Hunde. Manche lesen sogar ein Buch; ich habe meins schon wieder zu Hause vergessen. Die Sonne scheint. Der Sohn schläft noch, als ich ihn in der Kita abholen möchte.

Brückentag

4. Oktober 2024

Brückentag, alle sind auf dem Markt. Wie ein Magnet zieht er Menschen an, die sich schick anziehen, die mit dem Benz vorfahren und auf dem Fußweg parken. Und da sind auch die jungen Familien, da sind auch wir mit dem Sohn, der aufgeregt alles benennt, das ihn interessiert: «Baum! Wauwau! Auto! Ei!»

Eine ältere Dame reiht sich in der Schlange einfach vor uns ein und steht dann dämlich vor dem Terminal herum, an das ich meine Karte halten muss, um die Brötchen zu bezahlen, die andere lieber in tausend kleinen Münzen erwerben, die stundenlang im Portemonnaie herumwühlen, als würden sie nach dem Bernsteinzimmer suchen: «Es muss doch hier irgendwo sein, na schau an, da ist es ja und Atlantis und Bigfoot und Adolf Hitlers Matschhirn.»

Und welcher Hurensohn knibbelt eigentlich einen Anti-Nazi-Aufkleber ab? Na klar: ein Nazi. Der liebe Sohn kann jetzt übrigens auch «Arsch» sagen. Falls mal ein AfD-Wichser auftaucht.