Nebenan sind gerade Besichtigungen, Leute schauen sich eine Wohnung an: Erstbezug nach Sanierung, 4 Zimmer, 115 Quadratmeter für 1900 Euro (kalt). Viele junge Paare tauchen auf, einige sehen wohlhabend aus. Ordentlich. Adrett. Wie CDU-Leute, die bei der Jungen Union ihre politische Karriere begonnen haben. Die Tillmann heißen, also die Herren; die Frauen heißen Theresa. Und sie lachen unangenehm aufgesetzt. Sie schauen sich also die Wohnung an und irgendwer von diesen Leuten wird da einziehen. Um eine Küche müssen sie sich immerhin nicht kümmern, die ist in der Miete enthalten, die steht bereits in der Wohnung.
Ich öffne mein Portemonnaie und finde eine Million
Spaßeshalber mal im Internet schauen, was eine Eigentumswohnung im Kiez kostet: 700.000 Euro für 115 Quadratmeter. Ich öffne mein Portemonnaie und finde eine Million, zahle bar, bin Wohnungsbesitzer – ist doch ein Schnäppchen! Früher haben Wohnungen dieser Größe irgendwas um Hundert Mark gekostet und man bekam als Dank noch einen Opel Kapitän dazu. Heute liegen wir ratlos auf dem Sofa und fragen uns, wer das ohne Erbe bezahlen soll.
Mag sein, dass es Leute gibt, die das können; es muss solche Leute geben, die aus besserem Hause stammen. Die ihre Eltern stets siezen: Werte Mutter, werter Herr Vater! Die ihre Kindheit in Stadtvillen verlebt haben, drüben im Westflügel. Die Welt ist eben unfair, was soll‘? Ich steige in eine Rakete, fliege weit raus in den Weltraum und betrachte unseren blöden Planeten. Dann fällt mir wieder ein, dass ohnehin alles vollkommen egal ist, denn die Sonne wird uns, wenn sie ein wütender roter Riese ist, brutal verschlingen. Und dann ist das nichts mehr.
Der Raschplatz in Hannover war teuer. Damals, als sie ihn umgebaut haben. Inzwischen ist der Platz ein trostloser Ort, an dem sich seltsame Menschen versammeln, um zu saufen, Drogen zu konsumieren, sich anzuschreien. Manchmal kämpfen sie. Manche liegen nur herum, manche sind friedlich, manche nicht. Der Platz ist grau, und wenn es auch der Himmel ist und leichter Regen fällt, dann wirkt dieser Platz wie der traurigste Ort in Hannover.
WeiterlesenIn Linden-Mitte sind die Menschen, denn es ist Samstag und es ist Markttag. Und es scheint die Sonne – sie wirft herrliches Herbstlicht in die Gesichter. Kaffee trinken, ganz viel Kaffee trinken. Gähnen, gaffen, herumsitzen, abwarten und warten, bezahlen und trinken. Noch einen Kaffee, bitte! Und eine Flasche Bier. Wer’s mag. Hier stehen wir und der Sohn rüttelt am Bauzaun; sie haben den Spielplatz abgesperrt, komplett eingezäunt und auch die Mülleimer sind hinter Gittern, deshalb liegt der Müll auf dem Boden. Da stehen auch die ausgetrunkenen Sektflaschen und Weinflaschen; es sind die Flaschen von letzter Nacht. Angetrunkene Köter torkeln durch den Tag und knurren und kläffen. Im Schatten ist der Boden noch feucht. Zertretene Kippen. Da kommt die Stadtbahn, wir steigen ein. Kehren zurück in unseren Stadtteil.
Am Nebentisch sitzen meine Frau und ich – in elf Jahren. Da sitzen Eltern mit ihrer Tochter, die Tochter ist also elf Jahre alt. Allesamt sitzen wir beim Vietnamesen in der Fußgängerzone. Das Mädchen ruft: «Leute, Umfrage! Was soll ich nehmen?» Sie zählt die Gerichte auf, die infrage kommen; Mutter und Vater stimmen ab, sie nimmt schließlich die «E3», Erdnusscurry mit knusprigem Hühnchen.
Leicht übergriffig, aber egal
Unser Sohn isst nichts, er schläft tief und fest in seiner Trage. Die Mutter am Nebentisch starrt, gafft, guckt. Endlich fragt sie: «Wie alt?» – «Zehn Wochen», erwidern wir. Die Mutter meint, unser Sohn sei zu klein. Aha, denke ich. «In der Trage sieht er kleiner aus», erklärt meine Frau. Die Mutter schaut skeptisch, ihr Blick sagt: Glaube ich nicht, der Junge ist zu schmal, zu klein – eindeutige Sache! Leicht übergriffig, aber egal.
Die Mutter am Nebentisch starrt noch ein bisschen, dann will ihre Tochter die Aufmerksamkeit zurück, außerdem erzählt der Vater jetzt einen Witz: «Deutsche mögen ja keine Holländer», beginnt er. Nach der Pointe lacht niemand und die Tochter ruft: «Schrottwitz!» Dann sagt sie: «Darf ich mir heute etwas gönnen?» Die Mutter sagt: «Du musst aber aufessen.» Die Tochter verspricht, die ganze Portion zu schaffen. Ob sie ihr Versprechen hält, wissen wir nicht – wir bezahlen und gehen.
Freitags gastiert der Wochenmarkt im Kiez. Und weil wir freitags freihaben, gehen wir dorthin, um ein Mittagessen zu essen. Wir stehen am Falafel-Stand an, der ist sehr beliebt. Es gibt Falafel-Rollen und Falafel-Teller, ich werde heute eine Rolle nehmen, die ist einfacher zu essen, wenn man ein Baby am Bauch hat, und das habe ich. (Das brandneue Baby schläft friedlich und bekommt vom Trubel nichts mit.) Die allerlängste Schlange bildet sich stets am Kaffeefahrrad, wo der Barista plappernd Espressi zieht. Der ehemalige Bürgermeister von [unleserlich] hockt da, liest Zeitung und schlürft einen Espresso.
Unterm Vorderreifen liegt der kleine Tim, der wimmert leise
Dieser Wochenmarkt ist eventuell recht elitär. Fast alles ist teuer, manches zu teuer. Und die Leute sehen alle harmlos aus. Gewöhnlich. Ein wenig bieder. Teils unangenehm langweilig. Alle sind weiß, alle sind Produkt- oder Projektmanager. Oder Prozessoptimierer, die selten Fleisch essen und wenn, dann nur Bio. Schön ist der Markt trotz der homogenen Besuchermasse, vor allem die große Wiese in der Mitte des Platzes, dort toben viele Kinder herum. Am Rand sitzen müde Eltern und unterhalten sich; die Themen: Pekip, fehlende Kita-Plätze, Babymassagen, Rückbildungskurse – und so weiter. Wann kackt das Kind, wie viel kackt das Kind, wann schläft das Kind?
Eine Dame entsteigt ihrem Porsche Cayenne. Sie hat beschissen geparkt, aber das merkt sie nicht. Unter dem Vorderreifen klebt der kleine Tim, der wimmert leise, aber die Dame bekommt das nicht mit, denn sie schimpft laut mit ihrem kleinen Mops, der Prinz Pummelchen heißt. Die Dame brummt: «Platz da, du Knochen!» Sie meint mich, ich trete rasch zur Seite, lasse die Dame samt Hund durch. Das Tier ist schon jetzt außer Atem, doch das Frauchen kennt kein Erbarmen: «Komm schon, beeil dich!», ruft sie und Prinz P. legt einen Gang zu. Er will sterben, sofort sterben.
Auf dem Markt weiß ich selten, was ich möchte, vielleicht diesen kleinen Keks für dreitausend Euro. (Haha.) Die älteren Damen hingegen, die wissen ganz genau, was sie wollen. Sie laufen mit einem in Schönschrift beschrifteten Einkaufszettel gezielt von einem Stand zum anderen, kaufen im Prinzip immer das Gleiche. Hundert Gramm dies, dreihundert Gramm das, ein halbes Pfund Sülze. Vögel bleiben in ihren Perlenketten hängen, eine Taube verendet qualvoll. Prinz Pummelchen will doch nicht sterben.
Es ist 13 Uhr, Schluss für heute. Dieser Markt ist für (arbeitslose) Langschläfer ziemlich ungeeignet. Der Milchmann fährt mit quietschenden Reifen davon, endlich Wochenende, Ciao Kakao! Am Brötchenstand scheint es noch Brötchen zu geben, die Dame aus dem Porsche kauft gerade drei Vollkornkrusten, dann sind wir dran – oder auch nicht, der Verkäufer reißt nämlich die Klappe von seinem Verkaufsauto herunter, zack, jetzt ist wirklich Schluss, er darf nichts mehr verkaufen, das gibt nur Ärger mit dem Marktmeister. Wir heucheln Verständnis, sind heimlich aber enttäuscht. Keine Brötchen für uns. Und so endet der Markttag. Bis nächste Woche.
Aufgeputscht vom Pink-Konzert im Stadion, treffen sich die Leute noch auf Jules’ Balkon. Jules heißt eigentlich Julia, aber seit einer Aida-Fahrt trägt sie diesen kessen Spitznamen. Jedenfalls treffen sie sich auf Jules’ Balkon, um noch ein bisschen Musik zu hören. Wer will was trinken? Es ist nach Mitternacht, es ist Donnerstag. Eigentlich wäre es ruhig im Hinterhof, doch der Mann in der Gruppe – der Hahn im Korb – erklärt viel zu laut, dass er nicht an «disneyhafte Romantik» glaubt.
Mich persönlich interessiert seine Einstellung zur Liebe allerdings nicht. Ich bin nun aber wach, hatte zuvor die sabbelnden Stimmen in meinen Traum eingebaut, ehe ich kapierte: Das ist die Realität, das ist die Wirklichkeit. Wir waren recht früh zu Bett gegangen, weil der Sohn gegen 22 Uhr plötzlich eingeschlummert war. Verwundert legten wir uns ebenfalls aufs Ohr. (Das könnte doch immer so einfach sein, ist es aber nicht.)
Schlaftrunken sind die Gedanken stets radikal
Innerlich brodelnd wünschte ich den lachenden Leuten den Tod an den Hals, nichts weniger als das. Schlaftrunken sind die Gedanken stets radikal und die Lust auf martialische Strafe enorm. Diese Rücksichtslosigkeit! Diese Frechheit! Dieser Unfug! Ich wurde sofort zum Wutbürger. Von der innerlichen Verfassung glich ich einem Lkw-Fahrer, der mit seinem Tausendtonner die doofen Klimakleber niederwalzt. Die Frauen bekamen schon wieder einen Lachanfall, oh wie köstlich, will noch jemand etwas Aperol? Alle wollen, alle bekommen. Der Hahn im Korb kräht.
Es herrschte offenbar ein gewisser Konsens, denn niemand beschwerte sich, kein Nachbar stand (nackt) auf dem Balkon und brüllte in die Nacht, dass die Lärmenden doch bitte die Fresse halten mögen. Nein, die Nachbarn ließen die Störenfriede gewähren, der Widerstand blieb aus, somit war das freche Verhalten allgemein geduldet – na und? Es war inzwischen 2 Uhr, aber da schlief ich wieder, ich danke herzlich der Firma Ohropax.
Vor vielen Jahren saßen wir selbst auf unserem Balkon, es war ein Samstag, es war knapp 23 Uhr, und wir sprachen im normalen Ton miteinander – da zischte die alte Dame von gegenüber empört: «Die quatschen schon wieder!» Sie sagte das zu ihrem Mann, der kopfschüttelnd auf der Bettkante saß und seine Puschen perfekt positionierte, nämlich so, dass er in der Nacht problemlos hineinschlüpfen konnte, um anschließend seine Blase zu entleeren. Das «schon wieder» war jedoch nicht angebracht: In der Regel saßen wir zu zweit auf dem Balkon und lasen, was in der Regel keine Geräusche erzeugte. Das kann also niemanden stören. Was ich damit sagen will? Ich weiß es nicht mehr. Ich kann mit Pink nichts anfangen. Die Musik ist mir zu poppig, zu banal.
Freitag, Brückentag. Ich bin im Office, meine Frau ist auf dem Markt. Am Stand mit den köstlichen Dips sei eine Kartenzahlung nicht möglich, berichtet sie, es sei zu viel los, begründet der Verkäufer. Die bargeldlose Zahlung würde deshalb zu lange dauern.
In der Mittagspause bin ich bei Edeka. Dort gibt es neuerdings Selbstkassierkassen. Viel los ist an den DIY-Kassen nicht, ich kann sofort mein Zeug scannen und bargeldlos bezahlen – es ist eine Sache von Sekunden, es ist Traum. Derweil schlängelt sich die Menschenschlange an den herkömmlichen Kassen durch den gesamten Supermarkt. Absurd, wie neue Techniken die Menschen mutmaßlich verunsichern. Kann aber auch sein, dass alle in bar zahlen möchten oder müssen, das geht an den Terminals natürlich nicht.
Es gibt ja offenbar genug Menschen, die lieber Bargeld über den Tresen reichen. So wie die Dame vor mir beim Bäcker: Sie überreicht der Bäckerfachverkäuferin einen schlabberigen Zehner und erhält viele Münzen zurück. Seltsam, dass man zwar bezahlt, aber am Ende mehr Last mit sich herumschleppt, obwohl das Vermögen weniger geworden ist. Aber was weiß ich schon?
Kaufhof schließt für immer, der große Kaufhof in der Innenstadt. Der hieß seit einer Weile nur noch Galeria, früher hieß er Horten, dann Galeria Kaufhof. Als Kind war ich oft dort, neue Schuhe kaufen, Pullover und Jeans, Spielzeug und Videospiele. Alles, was ich brauchte, gab es dort (und bei Karstadt).
Meine Mutter drückte auf den Schuhspitzen herum, zuppelte am neuen Pullover. Zwischendurch Mittagessen bei Dinea, ganz oben. Bei den Klos hockte die Frau, der man immer ein paar Münzen auf den Teller legen musste, um keinen kalten Blick zu kassieren. (Fast wie früher in der Kirche, wenn der komische Klingelbeutel herumging: Ein paar Cent reinklimpern lassen und rasch weitergeben.) Bei Dinea also Schnitzel mampfen und weiche Pommes durch den Ketchup ziehen. Dazu Fanta oder Sprite schlürfen. Anschließend weiter, noch mehr kaufen. Einen Anorak vielleicht, noch ein T-Shirt.
Jetzt, im Januar 2023, ist endgültig Schluss: Ausverkauf! Die Regale sind leer, sie werden abgeschraubt, abgebaut, weggefahren. Ein letztes Mal stehe ich in diesem Kaufhaus. Viel zu kaufen gibt es nicht mehr – nur noch ein paar Brettspiele und Kleinkram. Es riecht trotzdem noch nach Parfüm.
Früher war hier immer was los, vor allem zu Weihnachten. Über die Jahre kamen immer weniger. Ich wollte immer nur nach oben fahren, zum Spielzeug, zum Lego, zu den N64-Spielen. Klar. Jetzt öffnet sich die Fläche, jetzt ist so viel Platz. Ein Zyklus endet. Das Kaufhaus-Gebäude soll bald komplett abgerissen werden, berichtet die Zeitung. Dann verschwinden auch die Horten-Kacheln – und mit ihnen ein Stück alte BRD und ein paar Kindheitserinnerungen.