Würden wir ein Auto besitzen, wären wir in den Pkw gestiegen und hätten anderthalb Stunden später unser Ziel erreicht. Aber wir haben gar kein Auto. Also ließen wir uns zuerst nach A. chauffieren, denn es fuhr kein ICE von B. und von D. ohnehin nicht. Also verbrachten wir 30 Minuten in einem Auto und dann weitere 100 Minuten in der S-Bahn. Wir stiegen an der zweiten Haltestelle ein, die der Zug ansteuerte und er war bereits erstaunlich voll. Wir quetschen uns mit dem Sohn auf zwei Sitze im 4er; uns gegenüber sitzt ein Paar, das still leidet. Gemeinsam schauen sie auf dem Smartphone des Mannes einen Film. Dann schläft er ein und sie starrt aus dem Fenster. Der Sohn kann sich immerhin an seinem Sticker-Heft erfreuen. Die S-Bahn juckelt durch das Land. Schön ist es, das schon. Die Wiesen, die Wälder, die Hügel. Würden wir ein Auto besitzen, würden wir vielleicht im Stau stehen.
Samstag. Erst mal zu Kafka & Co., ein Buch kaufen: «Air» von C. Kracht. Keine Ahnung, ob das gut ist, aber ich mochte die anderen Werke von Kracht. Und: Ich hatte noch einen Gutschein, deshalb war das Buch quasi gratis. Danach etwas essen und noch ins Halbstark, Flat White trinken – richtig gut! Da sitzen junge Leute, die schlau sind und Reclam-Bücher lesen und Anmerkungen hineinschreiben. Die zwischendurch laut «weird» rufen. So weird alles.
Ich bezahle wie ein Boomer «mit Karte», also mit einem Stück Plastik, weil ich zu faul bin, das am Handy einzurichten. Muss ich aber dringend mal machen, ich möchte doch cool sein. Cool bleiben, cool werden. Mit den geliehenen E-Bikes wieder wegfahren, aus der Stadt raus, hinein ins Wohngebiet. Hier in Detmold haben sie alle diese Boomer-E-Bikes, die mit den fetten Akkus und ohne das Rohr oben. Nett ist es hier.
Unsere Fahrt mit der Westfalenbahn dauerte eine Stunde länger als geplant. Grund hierfür war eine Signalstörung. Stau auf der Schiene. Gestrandet in Stadthagen. Da standen wir auf dem Bahnsteig, glücklicherweise durften wir aussteigen und uns die Beine vertreten. Ein Kerl stellte sich direkt vor mich, um zu rauchen; ich hatte den lieben Sohn in der Trage vor meinem Bauch hängen und verließ rasch die Rauchwolke. Dem Raucher wünschte ich die Post an den Hals. Ein ICE überholte uns, fuhr auf dem anderen Gleis an uns vorbei, ballerte durch den Provinzbahnhof. Ich überlegte, welches Auto ich erwerben könnte, dann ging die Fahrt endlich weiter. Ein wenig zumindest: Dorf für Dorf ging es langsam voran in Richtung Bückeburg. Immerhin waren die Toiletten in Ordnung.
Auf der Rückfahrt war die Westfalenbahn wieder ziemlich voll. Ein Mann hatte es sich im 4er gemütlich gemacht, er saß am Fenster, sein Rucksack saß am Gang, seine Füße ruhten auf dem Polster, die Füße vom Mann, nicht vom Rucksack, der hatte keine Füße. Der Mann las, es war schön (für ihn). Wir – meine Frau und ich – zwängten uns mit unserem lieben Sohn in der Trage in einen engen 2er. «Geht schon, lesen Sie bitte in Ruhe weiter!» Der Mann schaute. Dann las er tatsächlich weiter – und stieg aus. Für zwei Stationen hatte er den 4er blockiert. Na und? Es setzte sich ein anderer Mann in den 4er. Er starrte uns an. Gaffte. Stierte. Warum sitzen stets Freaks in meiner Nähe, fragte ich mich innerlich. Immer nur Weirdos. Immer nur Spinner. Immer, immer. «Ich geh pinkeln!», rief ich und machte mich auf den Weg. Das erste WC war defekt und abgesperrt, das zweite WC ebenfalls und das dritte WC auch. Das vierte Klo war geöffnet – ich fühlte mich wie ein Glückspilz.
Die Durchsagen klingen seltsam, der Mann spricht in Zeitlupe. Er klingt wie ein leierndes Tonband. Der Schaffner. Der Zugführer. Oder doch der Lokführer? Er sagt durch, was kommt, er informiert über die aktuelle Verspätung dieses Zuges: acht Minuten. Dann sagt er, dass es in Wagen 10 ab sofort Kaffee gibt. Ich horche auf und mache mich auf den Weg, bahne mir den Weg durch Wagen 8 und Wagen 9. Links Menschen, rechts Menschen, im Gang: Menschen. Beine im Weg, Taschen im Weg, Kinder im Weg. «Danke», sage ich mehrmals und laufe weiter wie durch feuchten Sand.
Ich suche das Bordbistro, wo ich den Kaffee vermute. Es gibt nur kein Bordbistro, stand auch in der DB-App, dieser Zug fährt ohne. Ich stehe nun quasi vorn beim Lokführer, also fast, nur die erste Klasse trennt mich vom glühenden Kessel, in den der Lokführer die Kohle schaufelt. Ich drehe um. Bin traurig. Dann sehe ich einen Mann herumstehen, Typ onkeliger Triebtäter, der Bargeld in ein Abteil reicht. Ach, so ist das, verstehe ich, denn in dem Abteil sitzt eine Frau, die Kaffee aus einem Kaffeespender verkauft, so einer großen Thermoskanne. Vielleicht ein illegales Geschäft!
WeiterlesenEs ist das dritte Pandemiejahr, die Maskenpflicht in Fernzügen wird demnächst fallen. Doch noch gilt sie. Im ICE nach Hamburg sitzt nun also ein Mann ohne Maske. Als der Zugbegleiter ihn auffordert, eine aufzusetzen, säuselt er: «Nein, ich verzichte.» – «Dann endet für Sie die Fahrt in Celle.» Die Drohung nimmt der Mann schweigend entgegen. Er wirkt geradezu gelangweilt. Ist das alles ein seltsamer Trick, um außerplanmäßig in Celle rausgelassen zu werden? («Ich nehme immer den ICE, ziehe meine Show ab, und die lassen mich in Celle raus. Dann mit dem Rad vom Bahnhof nach Hause.» So in etwa?)
Der Zugbegleiter verschwindet, wenig später erfolgt eine Durchsage und die Frage, ob ein Polizist an Bord sei, um Amtshilfe zu leisten. Der Mann ohne Maske schaut entspannt aufs Smartphone. Ein anderer Zugbegleiter kommt vorbei, bleibt irritiert stehen: «Bitte setzen Sie eine Maske auf.» – «Ihr Kollege kümmert sich schon», erklärt der Mann. Schaut weiterhin aufs Smartphone. Alles Routine.
Auch wenn’s vielleicht bescheuert ist
Dann taucht tatsächlich ein Beamter auf, ein junger Polizist in Uniform. Er baut sich auf, beugt sich herab, wie zu einem ungezogenen Jungen, der gerade die Tapete angemalt hat. «Wir können uns jetzt den Stress sparen – und Sie setzen einfach eine Maske auf. Auch wenn es vielleicht bescheuert ist.» Der Mann ohne Maske seufzt und fummelt in Zeitlupe eine Maske aus seinem Rucksack, setzt sie auf. Wir halten nicht in Celle. The End.
Im ICE sitzt neben mir ein Mann, der schweigt und starrt. Ich sitze am Fenster und betrachte die Landschaft, wie sie rückwärts an mir vorbeirauscht. Sehr viel Grün ist zu sehen, außerdem ein paar Pferde, Spaziergänger, Niedersachsen. Ich habe ganz vergessen, dass Deutschland eigentlich aus vielen Feldern besteht. Aus Bäumen, Feldwegen und Hügeln, aus sandigen Wegen und einsamen Häusern, die erstaunlich dicht an den Schienen stehen. Der Mann neben mir versucht sich nun an einer SMS, die er aufs Display schmiert. Das dauert lange und oft kommen Wörter heraus, die da bestimmt nicht stehen sollen. Pflichtbewusst lese ich mit, wie immer, wenn Fremde in meinem Blickfeld ihre Liebesbriefe schreiben.
Beinahe endet die kurze Zugfahrt ohne ein Gespräch. Als aber Leute über meinen ungünstig platzierten Koffer stolpern und ihn fast umreißen, sagt der Mann neben mir: «Bist du sicher, dass das deiner ist? Nicht, dass das ein Talibanbombenkoffer ist.» (Hahaha.) Wir reden ein wenig und ich verrate, dass ich die nächsten Wochen in Hamburg verbringen werde. Der Mann ist begeistert und empfiehlt mir den Ratskeller im Rathaus. Und die Mondrian-Ausstellung soll ich mir auch unbedingt ansehen. «Wenn’s Frühling wird, wollen die Hamburger wie Italiener sein. Und irgendwie klappt das auch», erklärt der Mann noch, dann verschwindet er nach dem Aussteigen in der Menschenmasse. «Lass es krachen!», ruft er zum Abschied.
An der Alster sehen die Leute schön und schick aus, einige allerdings wie Karikaturen. Manche Gesichter sind sonderbar orange-braun angemalt oder gebräunt. Dazu viel Schminke in mehreren Schichten auf der Haut. Um einen Porsche herum stehen ein paar Kerle und gieren unter die Motorhaube. Alles Plastik, nehme ich an. Vor und hinter dem Porsche stehen BMWs und ein schwarzer Mercedes, dessen Besitzer stolz an seinem Fahrzeug steht und die Blicke genießt.
Ein Mann mit zwei Nikon-SLRs hält mich an und wir reden übers Fotografieren; er zeigt mir auch ein paar seiner Bilder, die seine Vorliebe für unscharfe Gesichter verraten. Derweil steht seine Ehefrau daneben. Sie fotografiert lieber Vierbeiner, sagt sie. «Auch gefährliche Viecher?», frage ich. «Ja, auch die», sagt sie. Im Zoo dann aber. Weil in Hamburg selten Tiger herumlaufen, hat sie heute keine Kamera dabei.
Zum Abendbrot esse ich in einem Imbiss eine Currywurst mit Pommes und trinke ein Jever, das es auch hier im Hotel gibt. Im Flur steht eine Kühlschrank-Vitrine, aus der man sich einfach nehmen kann, was man will. Kostet aber natürlich und jede Getränkeentnahme ist auf einem Zettel öffentlich einzutragen. Herr L. hatte heute zwei Jever, Herr M. nur eins. Ich trage meinen O-Saft ein: 0,2 Liter für zwei Euro. Und dann nüchtern ins Bett.
Aufgezeichnet im Michaelis Hof in der Katholischen Akademie in Hamburg. Hier wohnte ich einen Monat lang, als ich einen Journalisten-Intensivkurs besuchte.
Flug nach Miami, es ist das Jahr 2004. Mein persönliches Unglück entdeckte ich zu spät, dabei stand es schon auf dem Ticket: Seat 43C. Mir konnte jetzt nur noch eine göttliche Intervention helfen, eben ein schnelles Wunder. Doch nichts geschah, Gott war längst um die Ecke gebracht worden und das Universum machte einfach weiter wie bisher. Seat 43C war ein Mittelplatz. Schlimmer ist eigentlich nur ein Totalausfall der Triebwerke – also der endgültige Aufprall auf die Erdkruste.
Wir waren in Madrid gestartet. Ich spreche kein Spanisch und die Dame am Check-in hatte mein Englisch nicht verstanden – oder es nicht verstehen wollen. Sie sollte mir einen Fensterplatz geben, doch das war nicht drin, die Sache war aussichtslos. Ich schluckte meinen Frust mit einem überteuerten Sandwich runter. Es muss ein letzter Hauch von Verzweiflung gewesen sein, der mich später versuchen ließ, mit anderen Leidensgenossen ins Gespräch zu kommen. Vielleicht könnten wir eine Selbsthilfegruppe gründen oder wir würden eine blutige Revolte anzetteln, bis sie uns endlich geben würden, was wir wollten: Fensterplätze für alle, zumindest aber für mich!
Heute würden keine Köpfe mehr rollen
Stattdessen befiel uns eine allgemeine Müdigkeit, als das Boarding begann. Heute würden keine Köpfe mehr rollen. Nun sitze ich also hier auf meinem Mittelplatz, auf dem ich die nächsten acht Stunden verbringen soll. Neben mir hört ein Spanier mit einem klobigen CD-Player Musik. Die Rhythmen hämmern auf seine Ohren ein, nervös zappelt er auf seinem herrlichen Fensterplatz herum, als würde er im Sitzen tanzen. Schließlich singt er sogar leise mit. Oder weint er? Sicherlich vor Freude. Ein Absturz scheint mir nicht mehr als die große Tragödie. Aber natürlich stürzen wir nicht ab, so was passiert immer nur den anderen.
Weil der Linienbus, den ich täglich nehme, auch am Steintor hält und ich dort in die Bahn umsteige, konnte ich wochenlang die schwierige Geburt eines neuen Ristorantes verfolgen. Irgendwann war es aber fertig, nun kann man erst im Little Italy Nudeln verspeisen und anschließend ins Bumskino nebenan gehen, hinein in den «Zauberwald», oder sich irgendwas Wunderliches im Sex-Shop kaufen. Das gibt es nämlich alles am Steintor, falls Sie das nicht wussten.
Erst vergangenen Samstag ergab sich auch mir die Möglichkeit, das Little Italy zu besuchen, und ich hockte auf der Bank, studierte das Menü und bestellte Spaghetti Bolognese. An den Wänden hingen Bilder von eigentlichen Mafiosi und gespielten Mafiosi: Al Capone, Al Pacino, Robert De Niro. Plötzlich durchzuckte es mich und ich änderte meine Bestellung um: Keine Nudeln bitte, sondern doch die Pizza Margherita (für fünf Euro), die einzig Wahre unter den Pizzen. Die wurde wenig später gebracht, und sie schmeckte relativ gut.
An der Bar stand ein glatzköpfiger Security-Mann und machte vielleicht Pause, ehe er wieder rüber in den Puff musste, um aufzupassen, dass keiner der Ficker ausrastet und sein Geld nicht zahlt oder was. Als wir gingen, hielt uns ein netter Mensch die Tür auf und wies sogar auf die Stufe hin: «Vorsicht!» Als wären wir alte Senioren oder schwachsinnig.
Auf der nassen Straße kamen uns vier angetrunkene Party-Frauen entgegen, so ist das hier, die gingen sicherlich in ihre Stammkneipe; sie hatten sich schließlich schick gemacht. Sie trugen enge Leggings, das ist schon was, dicke Schminke im Gesicht, die Lippen rot angemalt. Sie hofften womöglich, dass ein Mann schwach werden würde. An dem Abend waren wir allerdings stark und gingen noch in den Pub.
Dieser Text erschien 2009 in einem anderen Blog von mir. Damals studierte ich in Hannover und fuhr mit dem erwähnten Bus zum erwähnten Steintor, um dort in die erwähnte Stadtbahn umzusteigen. Das Little Italy gibt es längst nicht mehr.