Ärger kriegen

25. März 2026

Ich habe gar nichts gemacht! Trotzdem habe ich Ärger bekommen von einer Mutter in der Krippe, denn wir sind eine Eltern-Ini, das heißt, die Eltern müssen sich selbst organisieren und sich einmischen. In unserer Signal-Gruppe wird weiterhin viel besprochen, aber deutlich weniger, seit es einen neuen Vorstand gibt. Wer im Chat etwas Falsches schreibt, bekommt sogleich Ärger: «Bitte dieses Thema auf keinen Fall in der Gruppe ansprechen! Halt einfach den Rand, du Lümmel.» Ich paraphrasiere.

Ich bin eher der Typ «stiller Mitleser»

Doch dieses Mal habe ich gar nichts geschrieben, ohnehin bin ich eher der Typ «stiller Mitleser». Ich nehme Informationen zur Kenntnis und zumeist vertritt bereits jemand anders meinen Standpunkt, sodass ich schweigen kann. Das bewahrt mich eigentlich vor verschriftlichen Angriffen. Normalerweise, nicht aber heute, als auch ich die schriftliche Rüge erhielt: Es sei einfach unmöglich.

Es ist einigermaßen seltsam, als Erwachsener Ärger zu bekommen. Einen Anschiss zu kriegen, einen Einlauf verpasst zu bekommen. Das passiert etwa, wenn man zu viel Homeoffice macht, dann moniert der Chef dieses Fehlverhalten und bittet, künftig in die Firma zu gleiten. Ebenso droht Ärger, weil man etwa eine Meinung zum Thema Zuckerkonsum kundtut. Selbst ich weiß, dass Kleinkinder keinen einzigen Gramm dieses weißen Giftes vertilgen sollten. «Führe sie nicht in Versuchung», würde Gott murmeln, wenn er sich für unsere Kita interessieren würde. Aber er hat unsere Signal-Gruppe stummgeschaltet, das weiß ich genau – weil ich Gott bin. Quatsch, das stimmt gar nicht: In Wahrheit bin ich lediglich ein regulärer Mitleser, der gar nichts gemacht hat.

Kacke vor der Kita

12. November 2025

Banker, Säufer – und Kacke vor der Kita: In der Großstadt liegen Spaß und Elend dicht beieinander.

Unsere kleine Kita befindet sich an einer Hauptstraße in der Großstadt. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite lungern morgens zwei Männer auf der Parkbank herum und saufen. Einmal hat der eine Kerl dem anderen, nun ja, einen runtergeholt. Auf offener Straße. Ganz ungeniert. Unter Gottes tränenden Augen – denn hinter den Männern steht eine alte Kirche. Dort befindet sich auch ein schöner Park, in dem sich andere Männer verkrustete Spritzen in die Arme stechen. Und einen Spielplatz gibt es auch.

In dem Park sitzen Alkoholiker. Sie genießen das Leben und schreien herum. Sie trinken und lachen und husten. Mittags essen in dem Park die Banker ihre healthy Bowls. Nebenbei hören sie Podcasts über ETFs und Selbstoptimierung, deshalb stört sie das Kreischen der Kerle nicht. ANC filtert das Elend aus der Geräuschkulisse.

Neulich schiss ein Obdachloser vor unsere Kita

Neulich hat ein saufender Obdachloser vor unsere Kita geschissen. Alles vollgekackt hat er. Die Bewohner des Hauses stapften noch schön durch den Kot und verteilten ihn im Treppenhaus. Es ist völlig grotesk. An einem anderen Tag kotzte der Säufer alles voll; überall Kotze und Scheiße und ein ekelhafter Gestank. Nachts schläft er vor der Kita und ist morgens auch noch da, während wir die Kinder zur Kita bringen. Das Elend liegt in der Durchfahrt und schläft seinen Rausch aus. Vegetiert. Atmet aber noch; der Mensch stirbt langsam.

Die Polizei war da, das Ordnungsamt auch. Manchmal haben sie ihn mitgenommen, am nächsten Tag war er wieder da. Er bekam einen Platzverweis, dann war er wieder da. Er scheißt alles voll. Kotzt alles voll. Wie gefährlich ist so ein Mann? Dringt er eines Tages in die Kita ein, um sich Milchreis zu holen? Sitzt er zusammen mit den Kindern im Morgenkreis und lallt fröhliche Lieder? Das Autooo macht tuuutuuuuut! Und dann scheißt er wieder alles voll.

Tag mit Regen

28. Oktober 2025

Regen, viel Regen. Wir sind unterwegs zur Kita, der liebe Sohn und ich. Eine Viertelstunde dauert der Weg, und es regnet immer stärker. Ist ja gut für die Pflanzen, denke ich, wünsche mir zugleich aber Sonnenschein. Als wir endlich ankommen, hört der Regen prompt auf.

So ein Dienstag, irgendein Dienstag

Mittags muss ich den lieben Sohn früher als geplant abholen. Es regnet schon wieder. Und es hört prompt auf, als wir zu Hause ankommen. So ein Tag ist das also, so ein Dienstag, irgendein Dienstag.

Zwischendurch arbeite ich, zum Glück im Homeoffice, da hacke ich eine Menge Buchstaben in die Tastatur. Wichtig ist, stets flexibel zu bleiben. Planen kann man nichts, zeitweise keinen einzigen Tag im Voraus; die Betreuung bleibt beizeiten ein Glücksspiel. Ob also alle mitmachen. Ob alle gesund bleiben. Oder ob am Ende alles zusammenkracht. Es wird aber besser werden, das wird es doch immer. Dann ist nämlich Frühling.

Das erste Jahr

19. Juli 2025

Ein Jahr, das sich nach wenigen Monaten anfühlte, ist vorbei. Das erste Krippenjahr ist geschafft – dabei war eben noch der erste Tag. Einige Kinder wurden nun verabschiedet, auch Eltern gehen und Ämter wechseln. In unserer Elterninitiative gab es viele Höhen und Tiefen, seltsame Dramen und bedauerliche Kündigungen. Eine interessante Erfahrung war das, doch einiges hätte nicht sein müssen. Immerhin verlief die Eingewöhnung vor einem Jahr nahezu perfekt, und dem lieben Sohn gefällt es weiterhin hervorragend in der Kita. Am Ende geht es nur darum. Jetzt folgt – nach einer Sommerpause – das zweite Jahr. Für uns auch schon: das letzte Krippenjahr. Danach geht es für den lieben Sohn weiter in den «richtigen» Kindergarten. Hoffentlich ohne Dramen.

Rückkehr im Oktober

12. Oktober 2024

Meine Elternzeit endet, ich muss wieder ins Büro. Dort wartet Tristesse.

Nach dem Drop-off in der Kita kann ich jetzt nicht mehr ins Café gehen: Ich muss stattdessen wieder zur Arbeit gehen, ich muss zurück ins Büro. Muss mit der Bahn fahren, zusammen mit den anderen Menschen, die ebenfalls irgendwohin müssen. Einer schaut sich ein Video auf dem Handy an, Kopfhörer hat er aber keine, der Ton ist blechern. Medizinstudentinnen reden über ihre Haus- und Doktorarbeiten. Ich bin hundemüde und starre aus dem Fenster. Gern hätte ich ein Buch dabei, aber ich habe es vergessen, es liegt zu Hause. Gern wäre ich woanders, gern wäre ich zu Hause. Im Homeoffice. Aber ich rumple durch den Raum. Hätte ich doch das Fahrrad genommen.

Montag

Am Montag sitze ich allein im Büro. Da ist ein Fleck auf dem Stuhl. Fast zweitausend ungelesene E-Mails liegen in meinem Postfach. Ich bin wieder da, aber das ist egal. So ist das Arbeitsleben: Arbeitswoche reiht sich an Arbeitswoche, dazwischen liegen die Wochenenden wie Inseln in einem endlosen Ozean. Ich bin enttäuscht über das verkorkste Onboarding. Immerhin war ich ein halbes Jahr weg. Doch es ist sinnlos, das habe ich eigentlich längst begriffen – bestimmte Dinge werden sich niemals ändern. Ich werde wohl nie das Gefühl haben, wirklich angekommen zu sein. Ich muss etwas ändern.

Dienstag

Dienstag muss ich den lieben Sohn mittags aus der Kita abholen – sie zersägen Bäume im Hinterhof, ein Kettensägenmassaker, ein Höllenlärm, die Kinder können nicht schlafen. Also mache ich eine lange Mittagspause und der Sohn schläft in der Trage; ich laufe durch den Stadtteil wie vor ein paar Wochen schon, als ich meine Elternzeit damit verbrachte, den schlafenden Sohn durch die Stadt und durch den Wald zu tragen.


Mittwoch: Arbeit. Donnerstag: Arbeit. Freitag: Arbeit. Dann Feierabend, und die erste Arbeitswoche ist geschafft. Die erste Woche mit Kita und Arbeit und Einkaufen und Terminen und E-Mails und Aufgaben. Als wäre es nie anders gewesen.

Ich sitze in der Bahn, da sitzen die anderen Gestalten, Figuren, Menschen, Hunde. Manche lesen sogar ein Buch; ich habe meins schon wieder zu Hause vergessen. Die Sonne scheint. Der Sohn schläft noch, als ich ihn in der Kita abholen möchte.

Streuner

12. September 2024

Heute ist es kühl draußen, also sitze ich im Bistro, ich sitze oben und esse Chili con Carne und lese nebenbei einen Houellebecq: Ausweitung der Kampfzone. Derweil macht der Sohn in der Kita seinen Mittagsschlaf; ich bin auf Abruf, falls was schiefläuft. Während der Kita-Eingewöhnung, die nun bereits einen Monat läuft, kann ich im Café sitzen, im Bistro speisen oder herumlaufen oder auf einer Parkbank beobachten, was die anderen Menschen um diese Zeit so treiben. Da sind die Säufer, die saufen, lachen und labern; da sind die Businesskasper in ihren Anzügen, die Termine habe und deren Schnürsenkel offen sind. (Zwei Kerle tragen rote Sneaker zu ihren Anzügen – haben sie sich abgesprochen?) Da sind außerdem die Handwerker und Bauarbeiter, das sind die Obdachlosen und Rentner, da sind andere Väter, die wohl auch die Zeit totschlagen müssen.

An vielen Tagen war das Wetter so schön, dass es fast nervte. Fast dreißig Grad, immer Sonnenschein. Jetzt beginnt der Herbst: Es riecht danach und die Luft ist deutlich kühler und das Licht ist warm. Die Bäume rascheln und werfen Blätter und Kastanien ab. Anfangs war ich noch angespannt, weil ich nicht wissen konnte, ob das mit dem Mittagsschlaf klappen würde. Die Erzieherinnen schickten mir immer mal wieder Fotos vom Sohn, wie er am Tisch sitzt und isst, wie er spielt – wie er tatsächlich schläft.

Nach dem Essen streune ich umher, gehe in die Innenstadt. Dort ist viel los. Und der Himmel ist wieder blau, ehe der Regen kommt. Ich stehe vor einem Schaufenster und glotze: Da sollen hässliche Champagnerbecher satte 300 Euro kosten. Eine wohlhabende Oma kommt und drängelt mich weg, sie will auch mal schauen. Ist ja ein Schaufenster, also schaut sie. Ich gehe weiter, vorbei an den Geschäften, an den Marken, an gelangweilten Verkäufern, die hier ausharren. In einigen Wochen arbeite ich auch wieder. Verbringe meine Zeit auch im Büro, mit Kollegen, die ich nicht alle mag. Erledige dies und das, sitze da und schaue auf den Bildschirm. Ich gehe weiter, dahinten ist der Buchladen. Dann muss ich umkehren und den Sohn abholen. Er hat Feierabend.

Sitzen und schreiben

9. September 2024

Während der Kita-Eingewöhnung kann ich an Orten verweilen, an denen ich sonst nicht bin. Da sitze ich und lese, schaue oder schreibe. Ich habe eine Zeitschrift dabei, den New Yorker, und lese, ich habe mein MacBook dabei und schreibe. Weil es kein WLAN gibt, bleibt es offline. Das ist herrlich: Ich kann nicht sinnlos im Internet surfen, sondern nur schreiben. Oder schauen, wer da noch so ist.

Eine Parkbank weiter versammeln sich die Säufer. Sie saufen und lachen. Einer erzählt was, er redet Russisch. Einer repariert sein Fahrrad. Die einzige Frau in der Gruppe geht pinkeln. Es gibt ein dreckiges Dixi-Klo anbei, da geht sie hin. Heute ist es wolkig. Manchmal jedoch sticht das Sonnenlicht an den Wolken vorbei. Keine Affenhitze mehr. Die Säufer lachen und klackend machen sie neue Flaschen auf.

Er soll mich lassen

17. August 2024

Das Wetter ist in Ordnung. Lediglich ein paar graue Wolken ziehen vorbei, die durchaus Regen abwerfen könnten. Aber sie lassen es. Sie verkneifen es sich. Ich sitze auf einer Parkbank und habe vor, einen Joghurt zu essen. Ich habe Besteck dabei, das in einem schmalen Kasten ruht, wie die Knochen in einem Sarg. Klappernde Knochen aus Blech.

Doch dann taucht ein Fremder auf und setzt sich auf die nebenstehende Bank. Ein Unding: Es sind zahlreiche andere Bänke frei, es besteht keine Platznot. Wir befinden uns auf dem Gartenfriedhof, der aber längst nicht mehr als ein solcher fungiert, sondern als Park etwas Ruhe bietet. Es ist nur so, dass wir von Straßen umzingelt sind – eine Totenstille herrscht hier deshalb nicht.

Wir sind sozusagen zu zweit, der Fremde und ich. Das macht mich wütend: Ich verstaue meinen Joghurt in meinem Rucksack, schaue aufs Handy und stehe auf. Gehe. Setze mich auf eine andere Bank. Der Mann soll mich in Ruhe lassen. Da sitze ich also, es ist sogar etwas schöner hier. Ich esse meinen Joghurt.

Der erste Kita-Tag

7. August 2024 · Kita

Heute hatte der liebe Sohn seinen ersten Tag in der Krippe, in der Kita. Ich mache die Eingewöhnung und kann mir (noch) nicht vorstellen, dass der Sohn eines Tages dort bleiben kann – allein, also ohne mich, ohne Mama, ohne uns. Die älteren Kleinkinder sind natürlich allein in der Kita, sie spielen und toben; das ist für sie Routine. C. ist der Kneifer, das merke ich am eigenen Leibe. J. ist sehr freundlich, der sitzt da und baut Häuser aus Duplo.

Ich muss jetzt lernen, loszulassen. An diesem ersten Tag soll ich mich etwas im Hintergrund halten, während der Sohn die neue Welt erkundet. Ganz zaghaft erst, dann forsch und mutig. Sogleich will er hoch hinaus – er stürzt und prallt mit der Stirn gegen eine Holzwand. Rumms! Oh, oh. Eine Beule drückt sich aus seiner Stirn, seine erste richtige Beule. Bisher hatte er nur eine kleine Beule, die den Namen nicht verdient hat – zu schnell war sie wieder weg. Jetzt aber ist eine echte Beule zu sehen, ein wenig blau wird sie auch schon. Der Sohn weint, die Erzieherin übergibt ihn mir. Ich tröste und beruhige, ich bin für ihn da. Alles nicht so schlimm.

Das war also der erste Tag in der Kita

«Das passiert», sagen die Leute. «Er wird noch mehr Beulen bekommen!» Das ist doch ganz normal. Mag sein – doch es ist nicht so einfach, das hinzunehmen, die Situation einfach wegzulächeln oder was auch immer. Immerhin hat er sich schnell beruhigt, das schon, aber in meinem Kopf rattert es: Gehirnerschütterung! Hirnblutung! Intensivstation! Ich kann nicht anders und muss ans Schlimmste denken, muss das quasi durchspielen. Was, wenn …?

Die Beule ist jetzt da und ja: Es wird nicht die letzte Beule bleiben. Er spielte dann weiter, näherte sich der Erzieherin an. Das war also der erste Tag in der Krippe, in der Kita. Eben noch lag der Sohn in seinem Nest und schlief. Und weinte. Und nuckelte. Und jetzt steht er da zwischen den anderen Kindern und schaut fasziniert zu. Eine neue Welt, ein neues Kapitel.