Verschlafen in Goslar

5. November 2023 · Goslar

Mit Kind übers Wochenende nach Goslar: Spät frühstücken, durch den Sprühregen stapfen und abends fernsehen.

Am Freitag fahren wir mit dem Regional-Express nach Goslar. Wir sind spät dran, der Zug steht schon im Gleis und der ganze Zug ist praktisch voll. Auf den Zweier-Sitzen sitzen einzelne Personen, neben denen Rucksäcke und Taschen auf den Sitzen ruhen. So ist der Zug quasi voll, obwohl er in Wahrheit nur halb voll ist – oder halb leer, je nachdem. Das ist wie bei einer Rolltreppe, auf der alle Leute auf der rechten Seite stehen, damit links Leute vorbeilaufen können. Aber niemand kommt angelaufen.

Wir stiefeln durch den ganzen verfickten Zug und sitzen dann weit vorn auf Klappsitzen, wo auch die Fahrräder stehen. Unserem Sohn gefällt das, er mustert interessiert die Passagiere. Abfahrt, die Fahrt dauert eigentlich nur eine Stunde und fünf Minuten, aber sie dauert natürlich länger. Es ist 16:04 Uhr, als wir schließlich den Bahnhof in Goslar hinter uns lassen. Dann weiter zu Fuß, die schmalen Fußwege entlang. Wir nächtigen im Hotel «Zur Börse», unser Zimmer #4 liegt im Erdgeschoss und geht nach hinten raus. Ausblick auf den Parkplatz. Der Rezeptionist zeigt uns alles und deutet zwischendurch aus dem Fenster: Da sei die Kaiserpfalz! Aha, denke ich, keine Ahnung, was die Kaiserpfalz ist – ich bin erstaunlich schlecht informiert. Goslar ist für mich einfach eine Stadt am Harz. (Am späten Abend lese ich Wikipedia-Einträge durch: Goslar; Kaiserpfalz; Profanbau.)

Es ist 17:21 Uhr, als wir aufbrechen, um die Altstadt zu erkunden. Inzwischen ist es dunkel. Da ist zunächst niemand, dann tauchen doch noch Leute und Läden auf, es gibt einen H&M, eine Galeria-Filiale, einen dm. Und viele alte Häuser, Fachwerk, altes Gestein. In einem Teeladen kaufen wir Tee, der nach Marzipan riecht und schmeckt, aber kein Marzipan enthält, nur Aromen. Danach Abendessen in der «Aubergine», einer Art Italiener. An einem der Tische sitzen ältere Herrschaften, seriöse Leute, sie sagen: «Schön, auch mal mit Baby essen zu gehen.» Unser Baby ist bester Laune, unser Sohn möchte Weißwein schlürfen – aber lieber nicht. Er isst dann die Tischmatte, beißt rein, er hat aber noch keine Zähne, also wird das nichts. Zum Nachtisch essen wir hausgemachtes Tiramisu, das mutmaßlich besser schmeckt als die Tischmatte. Liege später im Bett wie ein Stein (und lese Wikipedia).

Samstag

Sie habe sich schon gewundert, dass noch Eltern mit Baby auftauchen, meint die Hotelfrau, als wir recht spät im Frühstückraum erscheinen. Da sind wir, es ist 9:52 Uhr, offiziell geht das Frühstück nur bis 10 Uhr – das ist aber zu früh für Langschläfer und unser Sohn schläft gern lang (und wir Eltern auch). Das Frühstücksbüfett ist ein Traum für Deutsche: Es gibt viel Wurst, und Deutsche lieben Wurst.

Um 12:12 Uhr sind wir dann so weit und verlassen das Hotel, um die Kaiserpfalz anzusehen, das muss wohl sein, es ist ein Highlight, erbaut vor 1000 Jahren. Die Bimmelbahn kommt vorbei – ein Auto, das so tut, als wäre es ein Zug, tut, tuut. «Die Goslarer Pimmelbahn», sagt meine Frau.

Nachdem wir das Gebäude betrachtet haben, gehen wir in die Altstadt, schauen uns um: schön hier. Wir kommen an einem Haus vorbei, an dem steht, dass hier Goethe auf seinen Harzreisen gewohnt habe. Eines Tages wird am Hotel auch ein Schild hängen, dass ich dort einst übernachtet habe, im Erdgeschoss, mit Blick auf den Parkplatz.

Dann kommt der Regen und wir beschließen spontan, das Goslar-Museum aufzusuchen. Es ist 16:15 Uhr, als wir zahlen, zweimal 3 Euro, das Museum schließt um 17 Uhr, wir müssen die Sammlung also im Schnelldurchgang anschauen. Die alten Münzen, das Skelett, die alten Krüge. Das Museum ist ein wenig in die Jahre gekommen, es ist niemand hier, wir sind die einzigen Besucher. Die beiden Mitarbeiter, die hier die Stellung halten, bieten uns an, dass wir morgen noch einmal wiederkommen können. Sehr freundlich, aber wir werden keine Zeit haben.

Am Abend läuft «Schlag den Star» im TV, Fernsehen macht müde

Wir laufen durch den Sprühregen, unser Sohn schläft endlich friedlich in der Trage. Also müssen wir laufen, dürfen nicht anhalten, damit er weiterschläft. Um 17:45 Uhr wacht er auf, also gehen wir essen bei «My My Sushi». Dem Sohn gefällt das gar nicht. Er kackt, es gibt keinen Wickeltisch, also gehen wir nach dem Essen zu dm, da gibt es eine Stillecke und einen Wickeltisch – schade, dass Restaurants selten Wickeltische haben, aber wahrscheinlich denkt niemand daran, dass auch Eltern mit Baby auswärts essen gehen. Sie denken, dass neue Eltern kein Leben mehr haben und nur noch zu Hause sitzen und «Guguguu» machen und irre werden und erst nach drei Jahren gehen sie wieder vor die Tür, die Sonne brennt in den trüben Augen, au, auu. (…) Bei dm stehen zwei Hunde, die warten. Sie sind höflich, sie wünschen uns «einen angenehmen Abend» und sowieso: «Einen schönen Aufenthalt im schönen Goslar!» Am Abend läuft «Schlag den Star» im TV; der Sohn schläft derweil friedlich im Bett. Fernsehen macht müde.

Sonntag

Check-out ist um 11 Uhr, wir sind schon jetzt spät dran: Um 9:54 Uhr sitzen wir am Frühstückstisch, theoretisch hätten wir nur noch 6 Minuten, um Eier und Brötchen und Marmelade zu verspeisen, aber so genau nehmen sie es in diesem Hotel dann doch nicht – zum Glück. Am Kaffeevollautomaten drücke ich erst auf «Cappuccino» und dann noch auf «Espresso», um meinem Heißgetränk mehr Power zu verleihen. Ich muss schließlich in die Gänge kommen, am liebsten würde ich jetzt noch schlafen, den ganzen Tag nur schlafen. Es wäre so schön.

Nach dem Check-out zurück zum Bahnhof. Ein feiner Regen fällt aufs Kopfsteinpflaster. Auf dem Bahnsteig ist es erstaunlich voll, die wollen alle in den Zug, wollen alle nach Hannover. Wir bekommen dennoch einen guten Platz in der Regionalbahn, die nach Hause bummelt.

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