Brückentag, alle sind auf dem Markt. Wie ein Magnet zieht er Menschen an, die sich schick anziehen, die mit dem Benz vorfahren und auf dem Fußweg parken. Und da sind auch die jungen Familien, da sind auch wir mit dem Sohn, der aufgeregt alles benennt, das ihn interessiert: «Baum! Wauwau! Auto! Ei!»
Eine ältere Dame reiht sich in der Schlange einfach vor uns ein und steht dann dämlich vor dem Terminal herum, an das ich meine Karte halten muss, um die Brötchen zu bezahlen, die andere lieber in tausend kleinen Münzen erwerben, die stundenlang im Portemonnaie herumwühlen, als würden sie nach dem Bernsteinzimmer suchen: «Es muss doch hier irgendwo sein, na schau an, da ist es ja und Atlantis und Bigfoot und Adolf Hitlers Matschhirn.»
Und welcher Hurensohn knibbelt eigentlich einen Anti-Nazi-Aufkleber ab? Na klar: ein Nazi. Der liebe Sohn kann jetzt übrigens auch «Arsch» sagen. Falls mal ein AfD-Wichser auftaucht.
Heute ist es kühl draußen, also sitze ich im Bistro, ich sitze oben und esse Chili con Carne und lese nebenbei einen Houellebecq: Ausweitung der Kampfzone. Derweil macht der Sohn in der Kita seinen Mittagsschlaf; ich bin auf Abruf, falls was schiefläuft. Während der Kita-Eingewöhnung, die nun bereits einen Monat läuft, kann ich im Café sitzen, im Bistro speisen oder herumlaufen oder auf einer Parkbank beobachten, was die anderen Menschen um diese Zeit so treiben. Da sind die Säufer, die saufen, lachen und labern; da sind die Businesskasper in ihren Anzügen, die Termine habe und deren Schnürsenkel offen sind. (Zwei Kerle tragen rote Sneaker zu ihren Anzügen – haben sie sich abgesprochen?) Da sind außerdem die Handwerker und Bauarbeiter, das sind die Obdachlosen und Rentner, da sind andere Väter, die wohl auch die Zeit totschlagen müssen.
An vielen Tagen war das Wetter so schön, dass es fast nervte. Fast dreißig Grad, immer Sonnenschein. Jetzt beginnt der Herbst: Es riecht danach und die Luft ist deutlich kühler und das Licht ist warm. Die Bäume rascheln und werfen Blätter und Kastanien ab. Anfangs war ich noch angespannt, weil ich nicht wissen konnte, ob das mit dem Mittagsschlaf klappen würde. Die Erzieherinnen schickten mir immer mal wieder Fotos vom Sohn, wie er am Tisch sitzt und isst, wie er spielt – wie er tatsächlich schläft.
Nach dem Essen streune ich umher, gehe in die Innenstadt. Dort ist viel los. Und der Himmel ist wieder blau, ehe der Regen kommt. Ich stehe vor einem Schaufenster und glotze: Da sollen hässliche Champagnerbecher satte 300 Euro kosten. Eine wohlhabende Oma kommt und drängelt mich weg, sie will auch mal schauen. Ist ja ein Schaufenster, also schaut sie. Ich gehe weiter, vorbei an den Geschäften, an den Marken, an gelangweilten Verkäufern, die hier ausharren. In einigen Wochen arbeite ich auch wieder. Verbringe meine Zeit auch im Büro, mit Kollegen, die ich nicht alle mag. Erledige dies und das, sitze da und schaue auf den Bildschirm. Ich gehe weiter, dahinten ist der Buchladen. Dann muss ich umkehren und den Sohn abholen. Er hat Feierabend.
Während der Kita-Eingewöhnung kann ich an Orten verweilen, an denen ich sonst nicht bin. Da sitze ich und lese, schaue oder schreibe. Ich habe eine Zeitschrift dabei, den New Yorker, und lese, ich habe mein MacBook dabei und schreibe. Weil es kein WLAN gibt, bleibt es offline. Das ist herrlich: Ich kann nicht sinnlos im Internet surfen, sondern nur schreiben. Oder schauen, wer da noch so ist.
Eine Parkbank weiter versammeln sich die Säufer. Sie saufen und lachen. Einer erzählt was, er redet Russisch. Einer repariert sein Fahrrad. Die einzige Frau in der Gruppe geht pinkeln. Es gibt ein dreckiges Dixi-Klo anbei, da geht sie hin. Heute ist es wolkig. Manchmal jedoch sticht das Sonnenlicht an den Wolken vorbei. Keine Affenhitze mehr. Die Säufer lachen und klackend machen sie neue Flaschen auf.
Heute ist Freitag und ich sitze wieder auf dem Friedhof. Es ist ein alter Friedhof, der eigentlich keiner mehr ist, aber noch so heißt: Gartenfriedhof. Die Grabsteine sind alt, manche zweihundert Jahre; sie stehen hier, während die Leichen unter ihnen längst vermodert sind. Dort sitze ich also auf einer Parkbank und warte ab. Vorn trinken die Trinker an der Kirche, sie trinken und stinken; da sitzt auch ein Obdachloser, der auch abwartet. Auf den Tod wartet. Auf ein paar Münzen, die ein betuchter Bürger in die Luft schnipst. Da sind auch Tauben und da sind zwei Hunde, die über den ehemaligen Friedhof pesen, obwohl das nicht erlaubt ist. Verboten ist es auch, auf die Gräber zu pinkeln, steht vorn auf der Tafel. Es gibt eine Art öffentliches Klo: Es handelt sich um ein Dixi-Klo in einem Metallverschlag. Es ist kein Wohlfühlort, wahrlich nicht.
Ich habe Zeit. Anfang der Woche zwei Stunden, inzwischen eine halbe Stunde mehr: zweieinhalb Stunden. Der Sohn verweilt in dieser Zeit allein in der Kita, also ohne mich, da sind schon noch Leute – die Erzieherinnen, der Koch und die anderen Kinder. Aber ich bin nicht mehr dort. Die Eingewöhnung nimmt Fahrt auf. Ein anderer Vater verweilt ebenfalls hier, aber er ist ins Smartphone abgetaucht, er sieht mich deshalb nicht. Dann mähen die Mitarbeiter der Stadt den Rasen, mähen über die ehemaligen Gräber. Ich gehe woanders hin, trinke einen Flat White.
Der Wind streicht durch die Bäume
Die Blätter fallen. Es riecht nach Herbst und es sieht auch so aus, als das Sonnenlicht die Bäume bescheint. Ich sitze mit meiner Frau vor dem Bistro K. und trinke den besagten Flat W., dazu esse ich Focaccia. Wir sind das erste Mal ohne Kind im Café. Der Trubel der Stadt umhüllt uns. Da laufen Schülerinnen entlang, sie haben Pause und sie gehen zu Rewe, wo sie Brötchen kaufen und Tabak oder diese Einmal-E-Zigaretten. Sie reden wirres Zeug, sie gackern und lachen. Ich weiß auch nicht. Ich zähle die Lastenräder, die an mir und diesem Tisch vorbeifahren: Es sind erstaunlich viele. Und doch dominieren weiterhin die Autos, sie machen Lärm und sie töten und sie sehen hässlich aus. Seit ich den Sohn morgens mit dem Kinderwagen in die Kita bringe, ist meine Auto-Abscheu noch gestiegen. Diese Inkompetenz und Rücksichtslosigkeit hinterm Steuer. Da wird zugeparkt, was nur geht, es ist egal, dass ein abgesenkter Bordstein dazu da ist, Kinderwagen und Rollstühle einfacher vom schmalen Bordstein zu bekommen. Interessiert den Porsche-Fahrer nicht: Der Hurensohn parkt wie einer und ich habe Lust, sein dummes Fahrzeug zu sprengen, aber das ist illegal, habe ich in der Brigitte gelesen. Ein BMW-Fahrer fährt mich dann noch fast über den Haufen, er möge verflucht sein bis ins zehnte Glied. Der Wind streicht durch die Bäume, durch mein Haar, er singt: Beruhige dich! Und ich weiß ja, er hat recht.
Das Wetter ist in Ordnung. Lediglich ein paar graue Wolken ziehen vorbei, die durchaus Regen abwerfen könnten. Aber sie lassen es. Sie verkneifen es sich. Ich sitze auf einer Parkbank und habe vor, einen Joghurt zu essen. Ich habe Besteck dabei, das in einem schmalen Kasten ruht, wie die Knochen in einem Sarg. Klappernde Knochen aus Blech.
Doch dann taucht ein Fremder auf und setzt sich auf die nebenstehende Bank. Ein Unding: Es sind zahlreiche andere Bänke frei, es besteht keine Platznot. Wir befinden uns auf dem Gartenfriedhof, der aber längst nicht mehr als ein solcher fungiert, sondern als Park etwas Ruhe bietet. Es ist nur so, dass wir von Straßen umzingelt sind – eine Totenstille herrscht hier deshalb nicht.
Wir sind sozusagen zu zweit, der Fremde und ich. Das macht mich wütend: Ich verstaue meinen Joghurt in meinem Rucksack, schaue aufs Handy und stehe auf. Gehe. Setze mich auf eine andere Bank. Der Mann soll mich in Ruhe lassen. Da sitze ich also, es ist sogar etwas schöner hier. Ich esse meinen Joghurt.
Die Eingewöhnung des Sohnes in der Kita läuft nun seit einer Woche. Die Trennung dauert inzwischen anderthalb Stunden. In dieser Zeit erkunde ich die Gegend, bleibe aber zunächst in der Nähe der Kita, vergrößere später meinen Radius.
Das Café, bei dem ich mir einen Flat White holen könnte, öffnet erst um 10 Uhr – das ist zu spät, also trinke ich Regenwasser. Gestern stand ich lange unter einem Dach und wartete den Platzregen ab und den zweiten auch noch. Heute blieb es trocken, obwohl es zunächst nicht danach aussah.
Die Menschen gehen ansonsten ihren Geschäften nach, da sind Businesskasper in ihren Anzügen, da sind die Säufer vor der Kirche, da sind die Kassierer, die verträumt rauchen, auf dem Parkplatz neben dem Supermarkt. Da steht auch noch der Einnetztrichter für die Weihnachtsbäume.
Die Stadt lebt, hier ist nie Ruhe
In dieser Straße ist stets viel los, da sind die Geschäfte, die Büros, die Ärzte, die Kitas und Kioske. Vodafone-Läden, Fahrradläden, Tabakläden. Die Stadt lebt, hier ist nie Ruhe. Ein Krankenwagen donnert vorbei, das Müllfahrzeug hinterher. Ich bin nun hier Mo. bis Fr. und beobachte das Treiben. Sitze auch mal auf einer Bank.
Ein echter Luxus: etwas Zeit zu haben! Ich muss nichts machen, nur warten, während die Erzieherinnen versuchen, Vertrauen aufzubauen. Andere würden sich in ein Café setzen und aufs Handy schauen, aber ich mag es, einfach herumzulaufen und zu sehen, was passiert. Andere würden Einkäufe erledigen, ich bin froh, nicht zu Rewe zu müssen. Und dann muss ich ja doch rein.
Die Zeit rennt ohnehin, schon ist es wieder 10:30 Uhr und ich hole den lieben Sohn ab, der momentan viel leisten muss. Er muss sich anpassen und akzeptieren, dass er nicht mehr nur bei seinen Eltern sein kann. Bei Mama und Papa. So nehmen die Dinge ihren Lauf. Ich bin heute wieder ein Jahr älter geworden, nächstes Jahr muss ich meinen 40. feiern. Oder davor fliehen, wegfliegen, ans Meer. Funkelndes Wasser und der Geruch von Sonnenmilch.
Es ist Freitag, da ist Markttag. Wir sind dort und kaufen ein: Brötchen und Gemüse und Dips. Eigentlich würden wir noch ein Mittagessen kaufen, doch der Stand, an dem es das sog. Soulfood gibt, er steht zwar da, ist aber geschlossen, da ist nichts los, niemand steht an. Der Mann nebenan weiß Bescheid: Die Betreiber hätten einen Unfall auf der Autobahn gehabt, erklärt er. Ein Albtraum.
Der Markt ist ein Ort voller Menschen, heute ist aber etwas weniger los als sonst. Das liegt an den Sommerferien, die nächste Woche enden werden. Dann wird unser Sohn in die Kita kommen, die Eingewöhnung wird starten, damit wir wieder arbeiten können, denn das ist das Wichtigste: dass alle fleißig arbeiten.
Auch wichtig sind Autos, dass die immer fahren und überall parken können. Überall? Keineswegs! Gestern hat der Nachbar von ggü. einen Pkw abschleppen lassen, er parkte vor seiner Garage, vor seiner Ausfahrt. Er wollte selbst nicht wegfahren, eigentlich hat ihn das falsch parkende Auto nicht weiter behindert, aber es ging wohl ums Prinzip. Also versperrte das Abschleppfahrzeug die Straße, stoppte damit den Verkehr, während die Abschleppung geschah. Ich saß auf dem Balkon und schaute zu, wie das Auto durch die Luft schwebte.
Vor einigen Tagen wurde ich Opfer von Womansplaining: Ich hatte den Sohn in der Trage, es war mittags, er hielt seinen Mittagsschlaf. Die Einschlafphase ist kritisch und für mich derzeit voller Frust. Einst schlief der Sohn prima in der Trage ein, das war eine Sache von fünf Minuten. Nun aber dauert es länger, viel länger, und der Sohn leistet Widerstand – wie dem auch sei, er schlief und ich notierte etwas in meiner Notiz-App im Smartphone, als sich eine Frau vor mir aufstellte und sagte: «Sie müssen etwas vorsingen!» – Aber er schlief doch längst. Innerlich brodelnd, ob dieser Einmischung und Bevormundung, lächelte ich wohl und die Frau zog ab.
Ich möchte nach Hause. Doch ich stehe an, stehe in der Schlange, stehe an Kasse #1. In meinem Warenkorb liegen drei Dinge: Milch, Backpulver und Sour Cream. In meinem Warenkorb liegt nicht: Kaffee – den gab es nicht. Ich bin in diesem Supermarkt, weil es nur hier diesen Kaffee gibt. Eigentlich. Meine Anwesenheit in diesem Supermarkt ist überflüssig. Ich möchte nach Hause.
Die ältere Dame kauft einen Träger Schnaps
Die ältere Dame ganz vorn kauft einen Träger Schnaps, kleine Flaschen Kräuterschnaps, knapp 8 Euro, sie zahlt bar (mit einem Zehner). Kasse #2 und #3 sind vakant, die Schlange wird immer länger. Ältere Menschen quatschen gern mit Kassierern, sie sind einsam, ich muss Verständnis aufbringen, möchte aber dennoch nicht hier sein, nicht an Kasse #1 stehen. Ich muss Verständnis dafür haben, dass Menschen auf den Cent genau mit Münzen bezahlen möchten, weil sie sonst keinen Überblick über ihre Finanzen haben. Sie heben am Anfang des Monats 4000 Euro ab und packen sie in eine Schublade; wenn die leer ist, ist sie eben leer. Dieses verrückte Land mit seinem Bargeld. Ich möchte nach Hause.
Die Zeit vergeht, ich könnte andere Dinge machen, die mehr Spaß machen. Als ich endlich bezahlen und gehen darf, bin ich müde und frustriert, es will heraus, ich sage laut, was ich denke: «Dieser beschissene Laden!» Menschen ignorieren dieses Outburst, aber ich weiß, dass es ihnen auch so geht. Dieser Supermarkt ist notorisch schlecht geführt. Ich hasse diesen Laden wirklich und betrete ihn nur, weil es hier diesen dummen Kaffee gibt, den es heute nicht gibt.
Früher – vor zehn, zwölf Jahren – bin ich nach Feierabend gern gelaufen. Zehn Kilometer, danach duschen, essen und einen Film schauen. Das war herrlich, im Hochsommer, aber auch im düsteren Winter. Das herrliche Gefühl danach! Joggen war während des Studiums am einfachsten: Ich konnte viel laufen, alle zwei Tage, mindestens zehn Kilometer, gern mehr. Durch den Wald, quer durch die Stadt, am Wasser entlang, die Landstraße hoch und wieder runter, durch die Dunkelheit oder in der hochsommerlichen Hitze. Im Gegenwind. Mit Rückenwind. Schwitzend, bibbernd.
Momentan jogge ich nicht, laufe nicht, sondern gehe höchstens zügig spazieren. Müsste mal wieder anfangen, weil es mir Spaß macht, das Laufen. Aber es gibt viel zu tun, seitdem ich arbeite, seitdem der Sohn da ist. Nach Feierabend zu laufen, war nie leicht; manchmal war es dringend nötig und der perfekte Ausgleich zum Brainfuck und der starren Erwerbsarbeit, die leider viel vor dem Computer stattfindet. Dinge ändern sich, manchmal zum Schlechten. Oder es ist ganz normal, dass ein Sport nach zehn Jahren weniger Spaß macht, ich mir also etwas Neues suchen muss. Bin fast 40 und habe kein Gravelbike – zum Beispiel. (Fortsetzung folgt …)