Aufessen

27. März 2026

Als Arbeitnehmer bin ich weder vertraglich noch gesetzlich dazu verpflichtet, das Mittagessen in der Betriebskantine aufzuessen. Auch eine moralische Pflicht besteht nicht. Dass ich regelmäßig irgendeinen Bestandteil der Mahlzeit übrig lasse, veranlasst so manchen Kollegen zur Kommentierung dieses gewöhnlichen Umstands: «Wieder nicht aufgegessen, dann regnet es morgen! Iss mal dein Gemüse», schallt es. Und ich denke: [redacted].

Ich selbst kommentiere niemals das Essverhalten meiner Kollegen. Es ist mir schlicht egal, ob A. sich noch einen dritten Burger in die Gusche schiebt, oder ob F. sein unberührtes Essen gegen die Wand schleudert oder in den Mülleimer wuchtet. Macht, was ihr wollt, baut den Devil’s Tower aus Kartoffelbrei nach, oder esst alles auf – mir vollkommen egal.

Baut den Devil’s Tower aus Kartoffelbrei nach – mir egal

Aber andere Leute sind anders: Sie spüren das dringende Bedürfnis, einen Kommentar zu äußern, als seien sie vom Sportfernsehen und müssten ein ödes Spiel mit seichten Worten etwas spannender gestalten. Ich möchte einfach nur in Ruhe essen und die Ananas übrig lassen, weil ich dieses sogenannte Bromeliengewächs einfach eklig finde. Wieder nicht aufgegesssen. So fucking what?

Pflichterfüllung, aber es regnet

14. Oktober 2023

Regen fällt auf die Stadt. Heute ist Freitag und eigentlich fährt niemand ins Büro. Ich hingegen muss hinfahren, um meine dieswöchige Quote zu erfüllen – so wollen es die Regeln: drei Tage Anwesenheitspflicht, zwei Tage Heimarbeit. Doch meine Anwesenheit an diesem Freitag ist sinnlos: Mein Büro ist leer, da bin nur ich. Also führe ich Selbstgespräche: «Und, was machst du am Wochenende?» – «Ach, vielleicht ein wenig schlafen.» – «Ist doch schön.» Meine Kollegen dürfen zu Hause bleiben, sie haben ihre Pflicht erfüllt. Und darum geht es.

Ich konnte die Quote nicht erfüllen, denn ich war zwei Tage krank, musste also die verbleibenden drei Arbeitstage ins Büro fahren. Da sitze ich also mit feuchter Hose, eingeweicht vom Sprühregen. Hinter mir die weiße Wand, unter mir der dunkelgraue Teppich. Vor mir eine Wand aus Bildschirmen, die ebenfalls schwarz sind, denn es sind nicht meine Bildschirme – es ist nicht einmal mein eigener Arbeitsplatz, ich muss ihn mir teilen. Früher waren wir sogar zu dritt auf diesem Platz, wie in einem U-Boot, in dem sich mehrere Kerle eine Koje teilen. Es schläft immer jemand, die Matratze ist immer warm, die anderen machen U-Boot-Sachen.

Es schläft immer jemand; die anderen machen U-Boot-Sachen

Auf diesem geteilten Arbeitsplatz, diesem Shared Desk steht und liegt nichts von mir. Kein angeknabberter Stift, keine braune Pflanze, kein Familienfoto. Wenn man mich spontan entlässt, kann ich einfach aufstehen und gehen. Ich wäre einfach weg. Meine Arbeit kann ich problemlos im Homeoffice erledigen, ich arbeite nämlich nicht in einem U-Boot. Doch selbst das könnte man bestimmt vom Sofa aus steuern. Aber ich weiß nichts von U-Booten.

Im Office zu erscheinen, in die Firma zu kommen, das soll den Teamgeist stärken. Ist ja auch nett: Ein wenig zu quatschen und zusammen zu essen, zu trinken, zu lästern. Abzusprechen, was man am Wochenende machen möchte. Doch wenn der Geist nicht im Gebäude weilt, klappt das natürlich nicht. Dann ist die Fahrt durch den Regen großer Quatsch, dann ist meine Präsenz absurd. Und trotzdem sitze ich an diesem Freitag im Büro. Hinter mir die weiße Wand, unter mir der graue Teppich. Am Ende geht es nur um die Erfüllung starrer Regeln. Ist das wohl dieses New Work?