Spargel genießen

26. April 2023 · Lüneburger Heide

Es ist Spargel-Zeit in Deutschland – und dazu gibt’s einen Schnaps, ganz unironisch für die Verdauung. Eine kulinarische Erkundung in die Lüneburger Heide.

In diesem Restaurant sitzen Leute, die nach dem Essen unironisch einen Schnaps trinken: «Für die Verdauung.» Auf dem Parkplatz stehen Autos neben Autos neben Autos, denn niemand ist mit dem Bus da – es gibt auch keinen. Es ist auch niemand mit dem Rad da; nur der eine Mann, der kam zu Fuß, der wohnt gegenüber in einem hübschen Fachwerkhaus. Alle Häuser in diesem Dorf sind hübsche Fachwerkhäuser.

Um uns herum befindet sich die Lüneburger Heide, die nächste größere Stadt ist Soltau. Hübsch ist es hier, das schon, aber auch ein wenig befremdlich – die Menschen sind mir irgendwie unheimlich, nicht alle, aber einige. Hier draußen lieben sie Pferde, hier draußen weht ein anderer Wind. Und der riecht manchmal ganz komisch.

Durch dieses Restaurant bewegt sich alle 15 Minuten eine Männerherde. Die Herde will an die frische Luft, um zu rauchen. Fluppe schon anzündbereit in der Flosse. Sie stehen dann vor dem Eingang, die Tür steht offen, der Rauch zieht rein in den Gastraum. Sie könnten eigentlich auch am Tisch sitzen bleiben und dort rauchen, das wäre bequemer und würde keinen Unterschied machen. Aber jetzt stehen sie da vor der Tür, vier, fünf Kerle mit Wampen und Tattoos. Auf dem einen Unterarm steht in Fraktur: Freundschaft. Der Mann, der gegenüber wohnt, geht rüber, um dort in Ruhe zu kacken.

Alle essen Spargel – Spargel und Schnitzel

Drinnen schleppt derweil die Servicekraft einen Teller mit Spargel nach dem anderen herbei. Es ist Spargelzeit, alle essen Spargel – Spargel und Schweineschnitzel. Und Sauce hollandaise aus dem Eimer. Am Restaurant hängt draußen ein großes Schild: «Spargel genießen» steht dort in dicken Lettern. Aber ich mag leider keinen Spargel. Hasse ihn sogar ein wenig.

Der alte Mann und der Po

Ein alter Mann gafft ungeniert der Servicekraft hinterher, mustert sie, beobachtet sie. Der Mann trägt ein kurzärmliges Hemd mit Karomuster. Anbei ist außerdem seine kleine Enkelin, die im Akkord Bilder produziert, nebenan am Kindertisch, wo es Papier und Wachsmaler gibt. Ein neues Bild ist fertig, sie trägt es herbei: «Guck mal, Opa!» Der muss den Blick von der Servicekraft lösen und das Gemälde betrachten, um anschließend das obligatorische Lob auszusprechen. Das Werk trägt den Titel «Tante Brigitte ist wieder betüdelt und Mutti auch». Die Mutter des Mädchens bestellt jetzt aber eine Cola Light, sie muss noch fahren, ihr Mann schaufelt Spargel in die Futterluke. Er mampft und kaut und schluckt. Dann Schnaps für alle, für die Verdauung: «Prost, zum Wohl, wohl bekomms!»


Am nächsten Tag kehren wir nach einer kleinen Wanderung durch die Heide in ein Café im Wald ein. Wir sitzen unter einem großen Baum, von dem sich eine weiße Spinne abseilt; Magnolien und der Wind, der durch die Natur streicht und rauscht: schön hier. Aber es riecht nach kaltem Zigarettenrauch, es stinkt danach, denn am Nebentisch sitzt Gaby und raucht. Sie hat sich die Haare schräg nach oben geschmiert, wie der kleine Vampir in der gleichnamigen TV-Serie, lange her. So sieht sie aus, die Gaby. Die sitzt da und raucht, auf dem Tisch steht auch ein Bierchen. Lecker, haben sie sich verdient, der Weg vom Parkplatz zum Café war lang. Gaby trägt eine Sonnenbrille, weil es sonnig ist. Neben Gaby steht an einem anderen Nebentisch ein Kinderwagen, neben dem Kinderwagen steht ein Hund, schlank und groß ist er, schnittig und filigran. Er war zu schüchtern, um aus dem Napf zu trinken, der neben dem Eingang des Cafés bereitsteht. Frauchen beruhigte das Tier, aber es seien zu viele Männer anwesend, erklärt sie unaufgefordert.

Gaby ist ein freier Mensch

Gaby zündet sich eine neue Zigarette an. Der Qualm zieht dieses Mal in den Kinderwagen hinein, der Wind weht sozusagen ungünstig. Gaby ist ein freier Mensch, da soll mal einer kommen und ihr das Rauchen verbieten! Sie schaut sich um und sie sieht ein wenig so aus, als suche sie geradezu Streit, als hoffe sie, dass jemand endlich irgendetwas sagt, damit sie sich aufregen kann: Das ist doch ein freies Land etc. Na ja, aber niemand sagt was, vielleicht bilde ich mir das auch nur ein, vielleicht ist Gaby einfach eine interessierte Frau, die wissen will, wer sich so alles in ihr Lieblingscafé mitten im Wald verirrt hat. Mitten in der Natur. Es würde nach Erde duften, nach frisch geschlagenem Holz. Wohl auch nach Kaffee. Aber nun ja, es riecht jetzt vor allem nach Zigarettenqualm, weil Gaby eine freie Frau ist, die macht, was sie will. Der schüchterne Hund hat inzwischen einen eigenen Wassernapf bekommen, er kann versteckt unterm Tisch in Ruhe trinken, schlabber, schlabber. Zumindest er ist zufrieden.

Der Behinderte

24. Februar 2022

Am frühen Abend gerieten die Bewohner des Hauses in helle Aufregung: Ein Fremder hatte an den Türen geklingelt!

Zuerst klingelte der Mann bei uns, weil wir im Edgeschoss wohnen. Ich öffnete widerwillig, der Mann betrat das Treppenhaus. Er trug eine runde Brille, einen dunklen Lederhut und einen schwarzen Anorak. Er sah einerseits aus wie ein Triebtäter; andererseits wie ein typischer Mann um die fünfzig, der zu viel Zeit in Gebüschen verbringt.

Ich kannte den Mann nicht und dachte: Bestimmt ein Nachbar von gegenüber, der sich bei mir beschweren will. Leute wollen sich immer beschweren, zum Beispiel über mein schlechtes Parkverhalten: dass mein Auto völlig beschissen vor seiner Einfahrt stünde. Nur habe ich gar kein Auto, also musste der Mann irgendwas anderes von mir wollen. Nur was?

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Was Jesus täte

18. Juli 2011 · Kino

Neulich war ich mit meiner Begleitung im Kino. Wir verzichteten auf modernen 3D-Schnickschnack und sahen ein altbewährtes Lichtspiel, das immerhin ein digitaler Projektor an die Leinwand warf. Meine Begleitung bemerkte den Bildunterschied jedoch nicht, während ich voller Begeisterung ob der herrlichen Farben und Kontraste die Leinwand ablecken wollte. Ich tat dies aber nicht, weil ich ganz nach vorn hätte gehen müssen und der Boden dermaßen klebte, dass nur ein zähes Schleichen möglich war. Der Abspann wäre längst gelaufen, ehe ich unten angekommen wäre. Also blieb ich sitzen und machte meine Sitznachbarin auf das hervorragende Bild aufmerksam: «Keine Fussel, keine Flusen und keine Flecken – siehst du das denn nicht?» – «Ne.»

Zuvor hatten wir in der langen Schlange gestanden, um reservierte Karten abzuholen. Während ich meine Begleitung mit meinen Überlegungen langweilte, stand plötzlich die Kinokartenverkäuferin auf, lugte über die Scheibe – sicherlich Panzerglas – und richtete das Wort an uns, die wartenden Kinogänger.

Ob denn jemand die Güte besäße, einem kleinen Mädchen hier vorn fünfzig Cent zu geben, sie würde sich sonst die Kinokarte nicht leisten können, erläuterte die Verkäuferin in indirekter Rede. Ihr selbst sei es in der Rolle als Kinokartenverkäuferin aus rechtlichen Gründen nicht gestattet, während der Arbeit Bargeld mitzuführen, weswegen sie sich nun voller Hoffnung an uns, die guten Kinogänger in der Schlange, wendete.

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