Nach kurzer Überlegung erstaunt es mich, dass wir die vielen Autos in der Stadt einfach hinnehmen. Zum Beispiel in unserer Straße: Die ist links und rechts komplett zugeparkt. Nur Autos und Autos und Autos; viele sind auch noch hässlich. Es ist wegen der parkenden Blechkisten nicht leicht, die Straße zu überqueren, weil man sich zunächst zwischen den Autos hindurchquetschen muss. Diese Probleme sind bekannt, SUVs machen sie noch schlimmer.
Ich stehe am Fenster und betrachte den Bauzaun, der gegenüber einen Vorgarten einzäunt. Seit zwei Jahren tut er das – und nichts passiert dort: Es ist keine Baustelle, sondern wirklich nur ein Vorgarten, den der Bauzaun einfriedet. Ich hasse diesen Zaun, denn er ist hässlich und unhöflich, er grüßt zum Beispiel nie. Ich stehe also am Fenster, eher schlecht gelaunt, und lasse meinen Blick schweifen, und da fällt mir wieder auf, wie hässlich Autos sind und wie viele es gibt. Unsere Straße ist eine Einbahnstraße mitten in der Stadt. Es ist ein grässlicher Kampf, ein Automobil zu besitzen, denn es gibt nicht genügend Platz; alles ist eng in dieser Gegend. Wir haben kein Auto, viele andere aber schon und die stehen halt herum. Unsere Nachbarn zum Beispiel verlassen kaum die Wohnung, besitzen aber einen SUV von BMW. Wenn der Nachbar, Herr Koßmann, einmal einen Parkplatz vor der Haustür gefunden hat, bewegt sich das Fahrzeug tagelang nicht vom Fleck. Womöglich ist er aber auch zu besoffen, um damit zu fahren.
Es ist erstaunlich, weil es Autos ja schon eine Weile gibt, und bis heute keine schlaue Lösung existiert, zumindest nicht in unserem Stadtteil. Ein Parkhaus für die Anwohner wäre womöglich eine kluge Idee: Man würde einfach dort parken und die Straße bliebe frei. Kinder könnten draußen spielen! Das Parkhaus könnte auch unterirdisch sein, denn unter der Erde ist es spannend und dort ist viel Platz. Bei den Baggerarbeiten würden vielleicht interessante Skelette ans Tageslicht kommen, von Dinosauriern oder Drachen. Staunen würden wir.
In Tokyo ist es wohl so, dass werdende Autofahrer zunächst einen Parkplatz nachweisen müssen, um ein Auto kaufen zu dürfen. Würde man das Deutschland so machen, würden die Menschen ausrasten: Ich sehe schon den Schaum vor dem Mund von Herrn K. (und anderen), die sich ihre Freiheit nicht nehmen lassen wollen. Es ist eine Freiheit des Individuums: Herr K. kann zum Beispiel jederzeit einfach in sein Auto steigen und nach Lissabon fahren. Oder nach Wien. Oder nach Moskau. Einfach so, immer. Diese Freiheit ist enorm. Dafür steht sein Auto die meiste Zeit herum, er bewegt es kaum und es nimmt viel Platz ein und weg. Die Mehrheit nimmt das hin: Das ist eben so. Kann man nichts machen.
In zehn, zwanzig, dreißig Jahren schauen wir in der Zeit zurück und wundern uns. Der kleine Theodor aus der Zukunft kann es kaum fassen: «Ihr habt einst alle Straßen und selbst die schönsten Plätze voller Autos gestellt? Klingt seltsam und, mit Verlaub, dumm, werter Herr Vater!» – «Du sollst mich doch Herr Berger nennen.» – «Werden Sie nicht albern.»
In der Stadt, in der ich lebe, gibt es zum Beispiel einen Platz, der die Menschen dazu verleitet, diese Stadt mit Paris zu vergleichen. Absurd, denn ich wohne in Hannover und Hannover hat nicht viel mit Paris zu tun, auch wenn Hannover keineswegs so schrecklich und hässlich ist, wie manche Leute behaupten. Der Platz ist zweifellos schön. Dass dort Autos parken, ist deshalb grotesk, denn sie ruinieren den Gesamteindruck. Dämlich ist auch, dass eine Straße den Platz zerschneidet. (Für Kenner: Ich rede vom Wedekindplatz, das mutmaßliche «Klein-Paris» von Hannover.)
Mit Neid (und Tränen in den Augen) schaue ich in andere Städte, nach Kopenhagen, Paris und Amsterdam, wo der Fahrradverkehr die Autos abzulösen scheint. Oder ich schaue nach Barcelona, wo sie immer mehr Kreuzungen in «Superblocks» verwandeln. Mehr Platz für Menschen, mehr Grünflächen, mehr Ruhe. Eine richtig gute Idee, oder?
Ein Städtetrip nach Leipzig: Sonne, Hitze – und ein richtiger Nazi im Drogeriemarkt.
«Der Zug endet hier, bitte steigen Sie aus.» Also raus aus dem IC und rein in die riesige Bahnhofshalle mit ihrer hohen Decke – hinein in den Trubel. Wir schwimmen im Strom, der uns schließlich ins Sonnenlicht führt. Draußen herrscht Hitze, es ist ja auch Hochsommer, zumindest für ein paar Tage. Zuerst geht es zum Hotel, mit dem Trolley im Schlepptau, der über die Fugen im Boden klackert, klackert.
Ich fühle mich wie ein nerviger Tourist, der durch Barcelona bollert. Dessen Köfferchen wie ein widerspenstiger Hund zerrt und zaudert. Das Gefühl verfliegt aber schnell, weil es auch egal ist. Unser Ziel also: das Motel One an der Nikolaikirche. Einchecken, auspacken und wieder los. Es ist abends, wir haben Hunger. Zu Fuß gehen wir in Richtung Süden, um in der Südvorstadt zu essen. Das tun wir dann im Pholosophy (Website), sitzen draußen, während allmählich die Sonne untergeht. Schön hier.
WeiterlesenFirmware-Updates kosten Zeit und Nerven. Besonders ärgerlich, wenn sie an einer Banalität scheitern – zum Beispiel an einem falschen Kabel.
Mir fiel ein, dass ich die Firmware von meiner Kamera aktualisieren könnte, von meiner Alpha 6300 der Marke Sony. Denn tatsächlich: Es gab längst eine neuere Version, ein brandneues Firmware-Update. Also stöpselte ich die Kamera via USB an meinen Mac und legte los. Ich musste zwei Dateien herunterladen und die eine in die andere ziehen und so weiter. Der Vorgang war etwas seltsam und erschien mir unnötig komplex, aber das ist typisch für Sony: allein das Kameramenü!
Jedenfalls funktionierte es nicht – die Software behauptete, dass keine Kamera angeschlossen wäre. Seltsam. Ich fragte Google, was zu tun sei und die allmächtige Internet-Göttin verriet mir, dass es sicherlich am USB-Kabel liegen würde. Ich habe die Kamera nämlich mit irgendeinem Kabel angeschlossen. Ist doch völlig egal, dachte ich. Aber nein, nein, schrieb die Hilfeseite von Sony. Nur das Originalkabel vermag ein Update zur Alpha zu transportieren, Sie Dummerchen!
weiterlesenDie Geißel des schreibenden Stubenhockers ist das Sitzen. Der Rücken wird krumm und die Gelenke werden morsch. Was dagegen tun? Aufstehen und in Bewegung geraten! Eine Woche lang habe ich mir vorgenommen, täglich 10.000 Schritte zu gehen oder zu laufen. Ich hatte am Montag und Dienstag versehentlich diese Marke überschritten und dachte: Die restlichen fünf Tage schaffe ich auch noch. Es war allerdings erstaunlich anstrengend – besonders am Sonntag.
Zehntausend Schritte sind ganz schön viel, das ist ziemlich weit, nämlich sieben bis neun Kilometer. Diese Distanzen bin ich nie ab Stück gelaufen, ich musste mich mindestens zweimal am Tag aufraffen und eine Rund gehen oder durchs Gestrüpp joggen. Abends saß ich schon fast auf dem Sofa, als mir einfiel, dass noch 2000 Schritte fehlen. Also ging ich leise murrend vor die Tür und umrundete die Häuserblöcke, als wäre ich mit meinem unsichtbaren Hund unterwegs. (Der würde Natascha heißen und manchmal schnappen.)
Am Sonntag bin ich losgerannt und durch den Stadtwald gejoggt. Ich wollte in kurzer Zeit möglichst viele Schritte sammeln. Nur kommt Google Fit mit dem Laufen nicht so gut klar – am Ende der Tour hatte ich erstaunlich wenig Schritte auf dem Tacho. Oder die App ist so klug und zählt beim Laufen größere Schritte1. Ich nehme an, dass beim normalen Gehen die Schrittlänge kürzer ist als beim Laufen. (Usw.) Jedenfalls flanierte ich dann auch am Sonntagabend meine «sinnlose Runde» durch den Stadtteil, um die fehlenden Schritte abzulatschen. Es war kalt, weil der Wind von vorn wehte. Es war dunkel und vor allem langweilig. Hätte ich doch einen echten Hund, mit dem ich über Luhmanns Systemtheorie quatschen könnte. Aber ich darf keinen Hund besitzen, unsere Vermieterin hat das verboten.
Die täglichen 10.000 Schritte sind übrigens Quatsch und basieren keineswegs auf wissenschaftlichen Studien. Die willkürliche Zahl stammt aus der Werbung, alles nur ausgedachtes Marketing. Es würden wohl auch 7500 Schritte am Tag ausreichen, sagen einige Studien. Andere gehen davon aus, dass 10.000 sogar zu wenig sind. Nichts Genaues weiß man nicht. Ich jedenfalls habe mein Tagesziel erst einmal reduziert, auf 7500, damit ich motiviert bleibe, mich täglich zu bewegen.
Oktober. Der Fahrer ist völlig wahnsinnig und lebensmüde. Rasant steuert er den Linienbus durch den Ort, pest dann über die Landstraße. Eigentlich gilt hier 80, aber er fährt 320. Wie im Videospiel, wie bei GTA. Nebenbei telefoniert er mit Mama, hört Musik, lernt Vokabeln, raucht Pfeife. In Bad Wiessee fährt er an einer Haltestelle vorbei, eine Frau regt sich sofort und lautstark auf: «Hallo? Ich will hier raus!» Der Fahrer raunt: «Warte doch!» Bringt das schwerfällige Fahrzeug abrupt zum Stehen. Der Bus steht jetzt schräg hinter der Haltestelle, halb auf der Straße, einigermaßen im Weg. Die Türen gehen zischend auf, die Frau hüpft hinaus. Jemand hupt. Alltag hier draußen.
Die Busse am Tegernsee fahren selten, manchmal nur stündlich, dann aber gleich zwei hintereinander. Wieso die Buslinien vier Ziffern haben, bleibt mir ein Rätsel. Es gibt nur zwei, drei Linien – und eben keine 9000. Egal, der 9559 braust davon und wir stehen im Regen. Unser Ziel an diesem Tag: das Mangfallblau, ein ultraschickes Fabrikrestaurant in Gmund. Dort gibt es hübsch angerichtete Speisen, die hervorragend schmecken. Ansonsten dominiert am Tegernsee die deftige Küche. Würste, Braten, Käse – so etwas.
(mehr …)Schon erstaunlich, wie schnell die Fahrt nach Hamburg ging: Hab kaum einen Artikel in der Zeit gelesen, schon erreichte der ICE die Hansestadt. Ich schaute zwischendurch aber auch lange aus dem Fenster, verplemperte also Zeit, anstatt sie zu lesen. Ausstieg in Fahrtrichtung rechts. Wir schwammen durchs Gewusel und gelangten ans Licht. Bestes Wetter, herrlich warm – Hamburg zeigte sich von seiner schönsten Seite, nur die vielen Baukräne störten das Bild.
Freitag, der letzte Julitag im Jahr 2020. Meiner Verlobten und mir blieben zwei Stunden, um durch St. Georg zu streifen und die Lange Reihe entlang zu flanieren. Späte Kaffeepause im «Blanco Coffee» (Instagram); mit Glück einen Tisch ergattert, direkt an der Straße. Busse brummten vorbei und Autos und schrille Vespas. Die Sonne schien immer schöner, warmes Licht flutete die Stadt. Hamburg im Sommer habe ich noch nie erlebt, sonst immer nur Kälte und Dunkelheit und Regen. Ich aß einen köstlichen Cheesecake (5 Sterne) und schlürfte Flat White (4 Sterne). Die Frau am Nebentisch lauschte unserem Gespräch, obwohl es gar nicht spannend war.
Menschen genossen die Leichtigkeit, das Wetter, ihren Feierabend
Radfahrer rauschten vorbei, Kleider flatterten im Fahrtwind. Menschen genossen die Leichtigkeit, das Wetter, ihren Feierabend. Gelöste Stimmung überall, verliebte Paare, gestresste Eltern. Ein Spitz schnupperte den Beton ab, ein anderer Hund bat Fremde um fressbare Spenden. Jemand rauchte, jemand hustete. In solchen Momenten fällt es mir leicht, mich in ein Leben in Hamburg zu fantasieren. («Hannover ist auch schön», muss ich dann wie ein Mantra wiederholen, «Hannover ist auch schön.»)
Freunde versprachen uns das beste Ramen der Stadt, das sollte es in der Schanze geben. Also gingen wir am Abend zu «Momo» (Website) in der Margaretenstraße. Ein gemütlicher Ort, geschmackvoll eingerichtet und erstaunlich groß. Die Toiletten waren mit japanischem Zeitungspapier tapeziert – viel besser als Raufaser! In der Karte entdeckten wir etwas, das sich «Dry Ramen» nannte: Ramen ohne Brühe, perfekt für den Sommer, fanden wir und bestellten. Ich entschied mich für Abura Soba mit Hühnchen und Onsen-Ei (5 Sterne). Als Vorspeise: Edamame mit Meersalz (5 Sterne) und Kimchi (4 Sterne). Alles äußerst köstlich. Leider waren wir dann zu satt, um noch ein Matcha-Eis nachzuschieben. Beim nächsten Mal.
Samstagabend. Wir sind hungrig von einer Waldwanderung zurückgekehrt. Von Wein weiß ich nichts, obwohl ich vor einer Weile an einem Winzer-Abend teilgenommen hatte. Das erlernte Wissen war jedoch flüchtig, eine Auffrischung ist nötig. Glücklicherweise wussten die Angestellten im «Vineyard» (Website) bestens Bescheid: Auf Empfehlung tranken wir zwei Weißweine, der erste trocken und trüb (4 Sterne), der zweite süß und fruchtig (4 Sterne). Passend dazu vernaschten wir Bruchschokolade (3 Sterne).
Alles ein bisschen teuer, aber schmackhaft, zum Beispiel der Brotteller mit Antipasti und Ziegenfrischkäse (5 Sterne) oder die Flammkuchen mit Chutney und noch mehr Ziegenkäse (4 Sterne). Das Vineyard ist hauptsächlich ein Fachgeschäft, das eine riesige Auswahl bietet. Meine Güte, so viele Weine, so viele Geschmacksrichtungen – so viel zu erkunden. Doch so wenig Zeit: Schon war wieder Sonntag, Tag der Abreise. Mit dem Bus erst zum Dammtor, mit dem ICE dann nach Hannover. Da ist es auch schön, ja, aber eben nicht ganz so schön wie in der Hansestadt.
Recht spontan und mit dem Zug fuhren wir ans Meer – an die Nordsee, genauer: an den Jadebusen, nach Dangast. Ein schönes Fleckchen.
Das kleine Nordseebad hat etwas mehr als 500 Einwohner und gilt als Treffpunkt für Künstler, die zum Beispiel dicke Wale malen, die Walter heißen. Das letzte Stück legten wir im Linienbus zurück, von Varel nach Dangast mit dem 253er. Am Steuer saß eine fröhliche Frau, die sofort wusste, wohin wir wollten. Wir waren die gesamte Fahrt lang die einzigen Fahrgäste. Ob es immer so leer sei, fragte ich. Nein, normalerweise sei der Bus rappelvoll, aber wegen Corona würden die Touristen den ÖPNV meiden. Deshalb meistens entspannte Leerfahrten, die auch mal von der eigentlichen Route abweichen.
Normalerweise würden wir zu dieser Zeit eher in Portugal, Italien oder Spanien weilen. Dieses Jahr ist es natürlich anders, plötzlich ist Deutschland die Welt. Manche Leute behaupten, ein Urlaub hierzulande würde eine Auslands- oder gar eine Fernreise ersetzen. Stimmt aber nicht, es ist eine ganz andere Kategorie. In Deutschland fehlt einfach das Unbekannte und Überraschende. Ich kenne alle Marken und Läden, kenne die Mentalität der Menschen und verstehe deren Sprache. Ich kann mich nicht treiben lassen in einem Singsang von Lauten ohne Sinn. Stattdessen höre ich, wie Andreas, Rainer oder Joachim über Radfahrer motzen und Bettina, Renate oder Heike über «diese jungen Leute» schimpfen. Hoffentlich meinen sie uns!
Plötzlich ist Deutschland die Welt
Es ist tatsächlich ein wenig anstrengend, ständig deutsche Touristen um sich zu haben. Es sind die einzigen Touristen, weil kein Spanier nach Dangast reist, kein Franzose, kein Peruaner, kein Mongole. Es ist eine homogene Menschenmasse, die sich am Strand trifft oder hungrig die Hauptstraße entlang schlurft. Viele kurzärmlige Karohemden und beige Schirmmützen sind zu sehen. «Es gibt schon viele Ü-50er hier», hatte der Café-Betreiber im Ort gelästert1. Lässig und cool sind die Leute wahrlich nicht, viele ältere Menschen trugen eine düstere Schwere mit sich herum.
Auch wenn ein Deutschlandurlaub nicht aufregend ist wie eine Reise ans Ende der Welt, war die Woche in Dangast dennoch schön – und vor allem: entspannend. Wir fuhren mit dem Elektrofahrrad am Deich entlang, da war kein Mensch weit und breit, nur Schafe und das Wasser und der Himmel über uns. Das flache Land erstreckte sich bis an den Horizont; die Weite tat den Augen gut.

Wir lümmelten stundenlang im Strandkorb, der sich sogar per App entsperren ließ, aßen köstliche Pizza im «Pani e Vini» (inzwischen geschlossen) und tranken cremigen Milchkaffee in der «Zweiten Heimat» (Facebook). Ich verliebte mich in eine Hündin namens Leni und war kurz davor, mit ihr durchzubrennen. Doch meine (menschliche) Verlobte vereitelte diesen Plan, indem sie Tiramisu bestellte. Das war vorzüglich! Allein deshalb lohnt sich die Reise nach Dangast. Nehmen Sie den Bus, der ist schön leer.
Wer nicht mit dem Auto anreist, fährt mit dem Zug nach Oldenburg, steigt dort um und fährt weiter nach Varel. Flaneure, die nun etwas Zeit haben, gehen zu Fuß nach Dangast: Die schönere Strecke führt am Meer entlang und ist etwa zehn Kilometer lang. (Auf direktem Weg sind es sieben Kilometer.) Wer es eilig hat, steigt ins Taxi oder wartet auf den Bus. Unsere Unterkunft haben wir auf Airbnb gefunden.
Die Fußgängerampel ist zwar knallrot, aber die Straße komplett leer, bis an den Horizont. Also rüber da, warum auch nicht? Ich will ein bisschen Anarchie im Alltag wagen, ein bisschen Adrenalin schmecken. Ein guter Grund fürs Warten wäre allerdings das anwesende Kind: 8 Jahre alt, weiblich, klein. Das Kind befindet sich hinter mir, quasi im toten Winkel. Da steht es und wartet brav. So hat es das gelernt: Bei Rot ist zu warten, zur Not für immer und ewig. Und jetzt rennt dieser Pimmel bei Rot über die Ampel.
«Tolles Vorbild», kreischt deshalb die ebenfalls anwesende Mutter, die das Kind zügig an die Hand nimmt, um es an einer impulsiven Straßenüberquerung zu hindern. Impulsiv meine Antwort: Ich müsse kein Vorbild sein, erkläre ich unnötig aufgebracht. Es stimmt ja auch, finde ich.
Ihr Mann, der ebenfalls anwesend ist und nicht zwangsläufig der Vater des Kindes sein muss, mischt sich in den Konflikt nicht ein, sondern schaut einigermaßen verstohlen auf den Belag der Fahrbahn. Ich gerate derweil unnötig in Rage, da ich mich in meiner individuellen Freiheit eingeschränkt sehe usw., usf. Ich rufe doch auch nicht jedem Radfahrer hinterher, dass der Fußweg dem Fußvolk gehört. Ich denke es nur, jedes Mal.
Wahrscheinlich kommt es in keinem anderen Land der Welt zu einer solchen Situation. Beispiel Athen, Griechenland: Hier schauten die Menschen regelrecht irritiert, als ich – wie ein Hurensohn – an der Fußgängerampel stehen blieb. Was macht der da, riefen sich die Menschen zu (auf Griechisch). Aber es ist doch rot, dachte ich erklärend, und alle, wirklich alle Passanten liefen an mir vorbei, rannten über die befahrene Straße, keinen einzigen Fick gebend. Würde Sandra auch dort jedem Menschen hinterherrufen? «Tolles Vorbild, Athen!»
Meine unausgegorene Philosophie: Stadtkinder sollten es draufhaben, im richtigen Moment über die Straße zu huschen – auch wenn das rote Männchen dies nicht gestattet. Autoritäten muss man misstrauen! Tu, was du willst! Kritiker dieser Einstellung würden anmerken, dass so etwas nur jemand schreiben kann, der selbst keine Kinder im lauffähigen Alter hat. Stimmt wahrscheinlich.
Heute reicht die Schlange bis zu den Tiefkühltruhen. Endlich öffnet eine zweite Kasse. Die ältere Dame vor mir schiebt ihren Einkaufswagen rasch rüber. Sie schaut jedoch nicht, was vor und hinter ihr passiert, sieht deshalb nicht, wie sich die Frau vor ihr ebenfalls in Richtung zweite Kasse bewegt. Diese Frau – sie heißt Sabine von Klingenberg-Gummelsbach, genannt SKG – genösse sicherlich ein Vorrecht, vielleicht aber auch nicht. In deutschen Supermärkten gilt das Recht des Schnelleren. Ähnlich verhält es sich bei Linienbussen.
Die ältere Frau – sie heißt Rita Müller – legt ihre Waren auf das Warentransportband, während es sich der Kassierer in seinem Warenzellenkassenstand gemütlich macht und die Kasse hochfährt, einen komplexen Sicherheitscode eingibt und die Maschine zum Laufen bringt. SKG empfindet es derweil als einigermaßen ungerecht, dass Rita Müller, die eben noch hinter ihr stand, plötzlich vor ihr steht.
«Ich habe doch nur Quark», erklärt SKG etwas zu laut und etwas zu genervt. Geschwind baut sie sich vor dem Kassierer auf, der gesetzlich zu einer neutralen Haltung verpflichtet ist.
Das ist völlig egal, denn Rita merkt überhaupt nicht, wie sich Sabine von Klingenberg-Gummelsbach quasi vordrängelt, wenn es denn überhaupt ein Vordrängeln ist – genau genommen ist es das ja nicht, aber es ist kein Gutachter hier, der das zügig klären könnte. Rita legt konzentriert und mit aller Kraft sehr viel Spargel auf das Warentransportband: deutscher Spargel fürs Mittagessen, fürs Abendessen, fürs Frühstück. Helmut mag Spargel so gern. Es handelt sich um seine Leibspeise. Er und seine Frau Rita essen seit zwei Wochen jeden Tag nur Spargel, denn Helmut will es so, und seine Frau will ihren Männe glücklich und satt machen, weil das seit einhundert Jahren ihre Hauptaufgabe ist. Eigentlich hängt ihr der Spargel längst zum Hals raus – das wird sie später dem Kassierer unaufgefordert erläutern. Immerhin sei der gesund, wird sie sagen. Der Kassierer wird das mit einem «Aha» zur Kenntnis nehmen.
Sabine, die keinen Spargel mag, legt die beiden Quarkpackungen von Ja! vor den Spargel. Der Kassierer waltet seines Amtes und kassiert, zieht die Packungen über den Laserscanner. Piep, «Payback?», nein!
«Mein Mann hatte vor zwei Jahren einen mittelschweren Verkehrsunfall», berichtet Rita nun. Er habe Gas- und Bremspedal verwechselt, es war sogar ein Artikel in der Lokalzeitung erschienen, behauptet Rita und entfaltet prompt ein Papier, das sie nebenbei aus ihrem Portemonnaie zupfte. Es handelt sich tatsächlich um eine Farbkopie des besagten Zeitungsartikels. «Sehen Sie: sogar mit Foto!» Seit seinem Unfall könne Helmut keine Einkäufe mehr erledigen, erläutert Rita.
Der Kassierer bleibt bei seinem vagen «Aha» und kassiert wie in Trance. Rita hat keine Payback-Karte und auch keine andere Plastikkarte in ihrem Portemonnaie. Mit lauter Stimme beginnt sie, den Zeitungsartikel vorzulesen.