Drängler

13. Mai 2025

Sven drängelt, fährt dicht auf. Er hat’s halt eilig. Hier ist aber nur 30 erlaubt – wegen der Schule, wegen des Spielplatzes, wegen der Kinder. Wir sind schon etwas zu schnell unterwegs, aber alles noch im Rahmen. Wir fahren vor Sven, wir sind ein Hindernis. Weil Sven immer mehr drängelt, fahren wir jetzt exakt 30 km/h, um den Kerl zu ärgern. Als wir abbiegen und er geradeaus fahren kann, gibt Sven ordentlich Gas. Er lässt seine kleine Karre aufheulen, drückt das Gaspedal wütend durch. Sven ist endlich frei. Er ist ein cooler Typ, denkt er, aber eigentlich ist er ein Lump. Zu Hause stopft er Kippen und bald muss er ins Gefängnis wegen der Dateien auf seinem PC. Mama sagt, er soll mal lüften.


Wir sind keine Minute auf der Autobahn, schon klebt der erste Drängler an unserem Heck. Ein junger Kerl im schwarzen BMW. Er heißt vielleicht auch Sven, er findet, dass alle Platz machen müssen, wenn er die Autobahn entlangfährt. Eigentlich sind nur 120 km/h erlaubt, wir fahren schon knapp 140, weil wir Lkw überholen – so viele Lkw, die zwei Spuren füllen. Sven will aber schneller fahren, also drängelt er. Nur, dass vor uns eben auch Autos fahren, die überholen. Es ist nichts zu machen: Sven muss sich in Geduld üben. Er sollte nicht so dicht auffahren, das müsste er wissen, aber es ist ihm egal, er ist ein echter Mann und der beste Autofahrer der Welt. Findet er. Als er uns endlich überholen kann, gibt er ordentlich Gas. Selbstredend. Sven ist wieder schnell. Langsam ist er nur im Kopf.

Autos essen Plätze auf

21. Dezember 2021

Nach kurzer Überlegung erstaunt es mich, dass wir die vielen Autos in der Stadt einfach hinnehmen. Zum Beispiel in unserer Straße: Die ist links und rechts komplett zugeparkt. Nur Autos und Autos und Autos; viele sind auch noch hässlich. Es ist wegen der parkenden Blechkisten nicht leicht, die Straße zu überqueren, weil man sich zunächst zwischen den Autos hindurchquetschen muss. Diese Probleme sind bekannt, SUVs machen sie noch schlimmer.

Ich stehe am Fenster und betrachte den Bauzaun, der gegenüber einen Vorgarten einzäunt. Seit zwei Jahren tut er das – und nichts passiert dort: Es ist keine Baustelle, sondern wirklich nur ein Vorgarten, den der Bauzaun einfriedet. Ich hasse diesen Zaun, denn er ist hässlich und unhöflich, er grüßt zum Beispiel nie. Ich stehe also am Fenster, eher schlecht gelaunt, und lasse meinen Blick schweifen, und da fällt mir wieder auf, wie hässlich Autos sind und wie viele es gibt. Unsere Straße ist eine Einbahnstraße mitten in der Stadt. Es ist ein grässlicher Kampf, ein Automobil zu besitzen, denn es gibt nicht genügend Platz; alles ist eng in dieser Gegend. Wir haben kein Auto, viele andere aber schon und die stehen halt herum. Unsere Nachbarn zum Beispiel verlassen kaum die Wohnung, besitzen aber einen SUV von BMW. Wenn der Nachbar, Herr Koßmann, einmal einen Parkplatz vor der Haustür gefunden hat, bewegt sich das Fahrzeug tagelang nicht vom Fleck. Womöglich ist er aber auch zu besoffen, um damit zu fahren.

    Es ist erstaunlich, weil es Autos ja schon eine Weile gibt, und bis heute keine schlaue Lösung existiert, zumindest nicht in unserem Stadtteil. Ein Parkhaus für die Anwohner wäre womöglich eine kluge Idee: Man würde einfach dort parken und die Straße bliebe frei. Kinder könnten draußen spielen! Das Parkhaus könnte auch unterirdisch sein, denn unter der Erde ist es spannend und dort ist viel Platz. Bei den Baggerarbeiten würden vielleicht interessante Skelette ans Tageslicht kommen, von Dinosauriern oder Drachen. Staunen würden wir.

    In Tokyo ist es wohl so, dass werdende Autofahrer zunächst einen Parkplatz nachweisen müssen, um ein Auto kaufen zu dürfen. Würde man das Deutschland so machen, würden die Menschen ausrasten: Ich sehe schon den Schaum vor dem Mund von Herrn K. (und anderen), die sich ihre Freiheit nicht nehmen lassen wollen. Es ist eine Freiheit des Individuums: Herr K. kann zum Beispiel jederzeit einfach in sein Auto steigen und nach Lissabon fahren. Oder nach Wien. Oder nach Moskau. Einfach so, immer. Diese Freiheit ist enorm. Dafür steht sein Auto die meiste Zeit herum, er bewegt es kaum und es nimmt viel Platz ein und weg. Die Mehrheit nimmt das hin: Das ist eben so. Kann man nichts machen.

      In zehn, zwanzig, dreißig Jahren schauen wir in der Zeit zurück und wundern uns. Der kleine Theodor aus der Zukunft kann es kaum fassen: «Ihr habt einst alle Straßen und selbst die schönsten Plätze voller Autos gestellt? Klingt seltsam und, mit Verlaub, dumm, werter Herr Vater!» – «Du sollst mich doch Herr Berger nennen.» – «Werden Sie nicht albern.»

      In der Stadt, in der ich lebe, gibt es zum Beispiel einen Platz, der die Menschen dazu verleitet, diese Stadt mit Paris zu vergleichen. Absurd, denn ich wohne in Hannover und Hannover hat nicht viel mit Paris zu tun, auch wenn Hannover keineswegs so schrecklich und hässlich ist, wie manche Leute behaupten. Der Platz ist zweifellos schön. Dass dort Autos parken, ist deshalb grotesk, denn sie ruinieren den Gesamteindruck. Dämlich ist auch, dass eine Straße den Platz zerschneidet. (Für Kenner: Ich rede vom Wedekindplatz, das mutmaßliche «Klein-Paris» von Hannover.)

      Mit Neid (und Tränen in den Augen) schaue ich in andere Städte, nach Kopenhagen, Paris und Amsterdam, wo der Fahrradverkehr die Autos abzulösen scheint. Oder ich schaue nach Barcelona, wo sie immer mehr Kreuzungen in «Superblocks» verwandeln. Mehr Platz für Menschen, mehr Grünflächen, mehr Ruhe. Eine richtig gute Idee, oder?