Ein Katzenjammer

5. März 2010

Es ist Mittwoch – den man, wie ich neulich von meiner unerwiderten [unleserlich] lernte, auch «Bergfest» nennt. In einer hiesigen Lokalität tritt eine norwegische Kapelle auf – Katzenjammer. Ein musikalischer Frontbericht.

«Ich zahle in bar», sage ich und gebe dem Mädchen 50 Cent und meine Jacke und gehe anschließend wieder weg, um mir bei einem anderen Mädchen ein Bier zu kaufen. Aus einer merkwürdigen Laune heraus verlange ich nach einem Beck’s Green Lemon. Das Mädchen stellt mir die Flasche hin und weist in langsamen, deutlichen Worten auf das Pfand hin, welches einen Euro beträgt. Ein Euro. Pfand.

«Ja, ja, steht doch da auch», sage ich und nippe an dem Bier. Ich bemerke, dass es ziemlich grässlich schmeckt. Warum habe ich kein normales Bier genommen? Keine Ahnung. Manchmal passieren mir so Ausfälle und ich handle völlig seltsam. Ich stehe dann beispielsweise in U-Bahnen und denke mir: Diese Frau dort ist sehr […]. Ich sollte ihr eine Frage stellen. Das tue ich dann nicht und fahre mit anderen Bahnen aufs Land stattdessen. Das kann nicht richtig sein. Nein, niemals. Ich habe mir angewöhnt, in mehreren U-Bahnen gleichzeitig zu fahren, das geht in der Regel schneller.

Ich stehe mit meinem Beck’s Green Lemon herum und schaue, wer da noch so alles ist. (Ich sollte wohl anmerken, dass wir uns hier bei einem Konzert befinden. Es ist noch eine Stunde oder so hin, vielleicht auch nur eine halbe, ich habe mir das Tragen einer Armbanduhr abgewöhnt, weil ich meine Uhr erstens nicht mochte und zweitens blablabla.) Ich stehe da und schaue, es sind viele linke Ökohippies da sowie angehende Lehrerinnen. Und Nora mit ihrem Freund.

«Seht mich doch aaa-han, ich bin mit meinem Freund da!», sagt sie. – Ich könnte ja mal «Hallo» sagen, denke ich, aber nee, wieso denn? Sie könnte ja auch mal angetorkelt kommen und sagen: «Das hier ist der Fridolin-Ewald-Blumenkot, ode mein Faaa-reund. Sein Geschlecht mag zwar winzig sein und im Bett ist er spaßig wie eine Flasche Altöl, aber […], lalala.» Das macht sie aber nicht, sie tut stattdessen so, als würde sie mich nicht sehen. «Sag mal, bis du besoffen?» – «Ich wünschte, aber das ist Becks Green Lemon, das hat nur 2,5 % Alkohol.» – «Wieso hast du denn kein normales Bier genommen?» – «Halt doch den Rand!»

So, aber weiter, wir wollen mal zum Konzert kommen: Die Musik ist also schön und ordentlich, also wirklich, und wir alle tanzen vor uns hin. Beachtenswert sind die Männer, die wie Felsen in den wabernden Menschenknödeln stehen und mit stoischer Miene das Konzert verfolgen. Bewegungslos, als wäre nichts. Und wer hungrig ist, kann mal abbeißen. Fleisch. Menschenfleisch. Soilent Grün. «Du hast da ein Stück Schulter zwischen den Zähnen.»

An dieser Stelle brach die Übertragung via Fax leider ab. Wir bitten zudem, die schlechte Bild- und Tonqualität zu entschuldigen. Küsschen aus der Redaktion!

Bob Dylan in Hannover

2. April 2009 · AWD Hall

Bob Dylan: Spring 2009 Tour of Europe. Der Meister und seine Band machen Halt in Hannover, es ist der 31. März 2009. Neben mir in der Menschenschlange vor der AWD Hall brabbelt ein Wichtigtuer halb zu seiner jungen Begleitung und auch halb zu mir, dass er keine Kamera zu Konzerten mitnehmen würde. Sie sei ihm einmal abhandengekommen, als er sie abgeben musste. Meine Nikon D50 habe ich um die Schulter hängen. Ich gähne.

Der junge Security-Mann, der die Leute abtastet, sagt, er müsse in meine Tasche schauen. Ich belehre ihn und erkläre, dass es sich um eine Kamera handeln würde. Er schaut mich an und erklärt sofort und mit ernster Miene, dass «der Künstler nicht fotografiert werden will». Er schickt mich weiter zu einer blonden Frau, die sagt: «Komm mal mit.» Ich folge ihr und muss meine Nikon bei einer zweiten Frau abgeben. Die Kamera kommt in die Asservatenkammer. Werde ich sie jemals wiedersehen?


Befreit von jeglicher Last und nach ein bisschen Alkohol kann es losgehen. Innenraum. Kurz nach acht Uhr. Bob Dylan und Band kommen auf die Bühne. Fast alle mit Hut. Der Meister beginnt, spielt seine Songs – natürlich auch Like A Rolling Stone und All Along The Watchtower. Dylan wendet die linke Schulter zum Publikum, darunter überraschend viele junge Menschen, aber auch mein ehemaliger Mathe- und Sportlehrer. Dylan spielt, als wären die 4500 Leute gar nicht anwesend. Die oberflächliche Zuschauer-Interaktion ist ohnehin nur nervig. Die Leute im Innenraum tanzen ein wenig, bewegen sich, nur die Menschen auf den Sitzplätzen verharren in ehrfürchtiger Starre (oder ihnen ist langweilig). Nach knapp zwei Stunden geht er wieder, das war Bob Dylan, die Legende, der Mythos und was nicht alles. Es war großartig. Und meine Nikon war noch da.

Diesen Text schrieb ich für ein anderes Blog. Ich habe ihn leicht überarbeitet und abgestaubt. Bob Dylan ist weiterhin auf Tour, er ist wohl unsterblich.