Voll wie ein Etui

20. Juni 2012

In der Vorlesung sitze ich neben einer jungen Frau. Sie trägt mindestens einen Perlenohrring und ein dazu passendes Halstuch. Sie trägt außerdem eine Art größere Handtasche aus gefärbtem Leder bei sich, in der sie ihre Unterlagen durch die Gegend trägt. Anders als ihre Freundinnen, hat sie nur eine 0,5-Liter-Flasche dabei: Mineralwasser von Lidl. Die Frauen neben ihr führen teilweise 1,5-Liter-Kanister mit sich, als wollten sie nachher noch eine Wanderung durch die Berge machen. Aber es gibt hier gar keine Berge.

Das Mädchen mit dem Perlenohrring spielt Malen für Freunde (oder: Draw Something) auf dem Handy. Catchphrase: «Montagsmaler meets Android!» So ganz begriffen hat meine Sitznachbarin das Konzept des Spiels aber nicht: Sie malt eine Art krummes Baguette hin und schreibt (sic!) darunter: Grillen. Was mich ratlos macht. Was meint sie nur? Oder soll das eine Wurst sein, wie in: Grillwurst? Soweit ich informiert bin, geht es bei diesem Spiel doch darum, etwas zu malen und nicht darum, etwas zu (be)schreiben. Sonst schreib doch gleich hin: «Grillwurst» oder «Grillpimmel».

Meine Sitznachbarin, deren Namen ich vergessen habe, benutzt ein Handy von Samsung und führt nebenbei drei schriftliche Korrespondenzen parallel, eine davon via WhatsApp. Sie hat vor sich ein Etui auf der Ablage stehen – und ich brauche meine volle Konzentration, um sie dafür zu verachten. Das Etui platzt fast aus allen Nähten, auch wenn es eher geklebt zu sein scheint. Sie hat alles dabei: Bleistifte, Eddings, einen flachen Locher, Lineale, Kulis, Textmarker, Buntstifte, Radiergummis und bunte Filzstifte.

Ich selbst haben einen einzigen Stift bei mir: Einen kleinen Kugelschreiber aus Plastik, der für den Notfall vorgesehen ist, der hoffentlich niemals eintritt. Das Mädchen mit dem Perlenohrring hat mehr Stifte im Etui, als ich in meinem ganzen Leben je besessen habe. Und das alles trägt sie jeden Tag durch die Gegend, in ihrer großen Handtasche, die sie sich nicht mal ordentlich um die Schulter hängen kann, sondern in die Armbeuge hängen muss.

Erwachsene brauchen nicht mehr als einen verfickten Stift

Das Etui ist für mich der Inbegriff von Unterdrückung und Angepasstheit an ein System, das diejenige zerstört, die es infrage stellen. Ich rede natürlich von der Schule, zu der das Etui und der College-Block gehören, wie auch das Stillsitzen und Aufpassen, wie mündliche Noten und lächerliche Kreidestummel. Und Plastikmappen, Deckblätter, blaue Briefe (die nie blau waren) und die erstaunlich schlechte Akustik: «Das habe ich akustisch nicht verstanden.» ¶ Als ich mit der Schule fertig war, habe ich als Erstes mein Etui entsorgt und mir geschworen, nie wieder eines auch nur anzusehen. Erwachsene brauchen einfach nicht mehr als einen verfickten Stift. Finde ich. Schließlich ist das fiebrige Anmalen von Texten doch im Prinzip großer Unsinn, mal ehrlich, mal unter uns. Was soll das schon, wenn die Seite statt weiß nun gelb ist? Kunst ist das keine.

Wie bei Seinfeld

6. Juli 2010

Also los. Es war Mittwoch, manchmal nervt mich dieser Tag, auch dieser Mittwoch nervte mich, und meine Laune war furchtbar. Ich betrat Starbucks und sagte dem Mann hinter dem Tresen, was ich wollte: «Tall Latte to go.» Der Mann nickte eifrig und wiederholte: «Tall Latte to go.» Er schob die Designerbrille zurück an seine Nasenwurzel und kritzelte etwas auf meinen Becher – allerdings nicht meinen Namen, den kannte er nämlich nicht. Ob es stimmt, dass sie einem in die Augen schauen müssen?

Ein zweiter Mann wollte abermals wissen, was ich hatte, und dann wollte er Geld von mir. Ich fühlte mich ziemlich urban und post-modern. Hätte ich doch einen iPod oder ein anderes Produkt von Apple bei mir, aber da war nur ein zerknülltes Taschentuch in meiner Hosentasche. Der Kaffee kostete satte drei Euro und war brühheiß; ich zahlte passend, also centgenau.

Hätte ich doch einen iPod bei mir, aber da war nur ein zerknülltes Taschentuch in meiner Hosentasche

«Brühheiß», wiederholte mein ausgedachter Anwalt, der illegal praktizierte und sich wie zufällig in der Nähe befand. Verträumt hoffte er wohl, dass ich mir den Rachen am siedenden Latte verbrennen würde, um anschließend Starbucks zu verklagen. Mir klang das alles zu sehr nach einer Seinfeld-Folge und ich drehte ihm den Rücken zu. Ich schob dem Pappbecher einen Pappring über und verließ Starbucks, war nun also in der hässlichen Shopping-Mall, weil sich der hiesige Starbucks eben dort befand. Wie ein kleines Lebewesen, das in einem großen Lebewesen lebt.

Die unendlichen Wände waren sozusagen verspiegelt, alles wurde da reflektiert, wie in einem gigantischen Spiegelkabinett. Junge Mädchen schauten nach ihren Frisuren, junge Typen sahen nach, ob ihre Schlüpfer aus der Hose lugten; das war so gewollt. Ich erschrak, als ich mich selbst entdeckte und ich hasste diesen Ort und verschwand nach draußen. Hätte dieser Mann vorhin nicht von Regen gefaselt, hätte ich ganz vergessen, dass es Tage gibt, an denen Wasser vom Himmel fällt. Es war heiß und sonnig, allerdings tauchten da einige verdächtige Wolken auf. Wird es regnen? Nein, es würde nicht regnen, vielleicht nie wieder. Wir müssten Brunnen bohren, Dorfbrunnen, 20 bis 40 Meter tief. Ich ging und ging, ich war irgendwann verschwunden.

In der Untergrundbahn gibt es Knöpfe an den Türen, wenn man die drückt, leuchtet der kleine Kasten, der den Knopf umgibt. Wir alle denken, dass dieser Plastikknopf dafür da ist, dass sich die Tür beim nächsten Halt auf jeden Fall öffnen wird. Irgendwie beschleicht mich aber das Gefühl, dass der Knopf direkt mit der kleinen Glühbirne verbunden ist und nicht mehr macht, als dieses Licht aktiviert und die Tür ohnehin aufgeht. Aber die Beweislage ist dünn.


Auf meiner Festplatte ruhen viele Textdateien. Manchmal öffne ich eine davon und lese die Vergangenheit wie ein Geschichtsstudent auf verzweifelter Suche nach einem Thema für die nächste Hausarbeit. Diese Notiz entstand am 6. Juli 2010 gegen Mitternacht, doch die Datei trägt den Titel 30. Juni. Dieser Tag war denn auch ein Mittwoch, wie am Anfang des Textes beschrieben.