Sinnloses Verschieben

14. November 2023

Als ich vor zwanzig Jahren ein zweiwöchiges Schulpraktikum in einer kleinen Webdesign-Agentur absolvierte, saß ich die meiste Zeit auf meinem Schreibtischstuhl und starrte auf den Bildschirm, schaute aus dem Fenster und ging um 17 Uhr wieder nach Hause. Es war Winter, es war dunkel, es war grau und trostlos. Das war meine Welt. Sie reichte nicht weit.

Es war dunkel, grau und trostlos

Meine Aufgabe bestand eines Tages darin, Dateien auf dem Server von einem in den anderen Ordner zu verschieben, tausende Dateien waren das. Eine Aufgabe für zwei Arbeitstage. Grotesk langweilig, stupide und geistig lähmend. Keine Aufgabe für einen Menschen, sondern für ein Skript, für ein Tool, für Software. Es war dämlich und ich hasste diese zwei Wochen in der Webdesign-Agentur unendlich, behauptete gegenüber Frau Wesche-Brockmann aber, dass dieses Praktikum ganz gut sei. Immerhin gab es an einem Freitag Rotwein, den die Kollegin aus Moldawien mitgebracht hatte.

Meine Lehrerin mochte mich nicht – und ich mochte sie nicht, und da saß sie mir gegenüber an diesem Schreibtisch in der Webdesign-Bude, deren Büros sich in einem schmucklosen Gebäude befanden, das auf einem Feld stand. Da wehte stets der kalte Wind über das Land. Frau Wesche-B. machte Kontrollbesuche, prüfte, ob wir auch wirklich ein Praktikum machten – und nicht heimlich zu Hause blieben und Playstation spielten. Ich kam brav jeden Tag mit dem Fahrrad in die Firma, fuhr durch die eisige Kälte. Immer gegen den Wind: hin und zurück. Glücklich war ich, wenn ich abends aus dem Gebäude trat, die Kälte auf der Haut spürte, mein Fahrradschloss aufschloss und wegfuhr. Feierabend. Ein köstliches Gefühl, besonders betrunken am Freitag.


Als ich bei der Arbeit eine völlig sinnlose Aufgabe erledigen sollte, musste ich an dieses Praktikum denken. Da fiel mir wieder ein, wie ich vor zwanzig Jahren in diesem trostlosen Gebäude saß und Dateien von einem in den anderen Ordner verschob – tausende Dateien, die nach Feierabend wahrscheinlich gelöscht wurden. Manchmal fühlt sich das Leben so an wie damals an diesen Tagen, als der Wind kalt über die dunkle Erde wehte.

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