Banker, Säufer – und Kacke vor der Kita: In der Großstadt liegen Spaß und Elend dicht beieinander.
Unsere kleine Kita befindet sich an einer Hauptstraße in der Großstadt. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite lungern morgens zwei Männer auf der Parkbank herum und saufen. Einmal hat der eine Kerl dem anderen, nun ja, einen runtergeholt. Auf offener Straße. Ganz ungeniert. Unter Gottes tränenden Augen – denn hinter den Männern steht eine alte Kirche. Dort befindet sich auch ein schöner Park, in dem sich andere Männer verkrustete Spritzen in die Arme stechen. Und einen Spielplatz gibt es auch.
In dem Park sitzen Alkoholiker. Sie genießen das Leben und schreien herum. Sie trinken und lachen und husten. Mittags essen in dem Park die Banker ihre healthy Bowls. Nebenbei hören sie Podcasts über ETFs und Selbstoptimierung, deshalb stört sie das Kreischen der Kerle nicht. ANC filtert das Elend aus der Geräuschkulisse.
Neulich schiss ein Obdachloser vor unsere Kita
Neulich hat ein saufender Obdachloser vor unsere Kita geschissen. Alles vollgekackt hat er. Die Bewohner des Hauses stapften noch schön durch den Kot und verteilten ihn im Treppenhaus. Es ist völlig grotesk. An einem anderen Tag kotzte der Säufer alles voll; überall Kotze und Scheiße und ein ekelhafter Gestank. Nachts schläft er vor der Kita und ist morgens auch noch da, während wir die Kinder zur Kita bringen. Das Elend liegt in der Durchfahrt und schläft seinen Rausch aus. Vegetiert. Atmet aber noch; der Mensch stirbt langsam.
Die Polizei war da, das Ordnungsamt auch. Manchmal haben sie ihn mitgenommen, am nächsten Tag war er wieder da. Er bekam einen Platzverweis, dann war er wieder da. Er scheißt alles voll. Kotzt alles voll. Wie gefährlich ist so ein Mann? Dringt er eines Tages in die Kita ein, um sich Milchreis zu holen? Sitzt er zusammen mit den Kindern im Morgenkreis und lallt fröhliche Lieder? Das Autooo macht tuuutuuuuut! Und dann scheißt er wieder alles voll.
Regen, viel Regen. Wir sind unterwegs zur Kita, der liebe Sohn und ich. Eine Viertelstunde dauert der Weg, und es regnet immer stärker. Ist ja gut für die Pflanzen, denke ich, wünsche mir zugleich aber Sonnenschein. Als wir endlich ankommen, hört der Regen prompt auf.
So ein Dienstag, irgendein Dienstag
Mittags muss ich den lieben Sohn früher als geplant abholen. Es regnet schon wieder. Und es hört prompt auf, als wir zu Hause ankommen. So ein Tag ist das also, so ein Dienstag, irgendein Dienstag.
Zwischendurch arbeite ich, zum Glück im Homeoffice, da hacke ich eine Menge Buchstaben in die Tastatur. Wichtig ist, stets flexibel zu bleiben. Planen kann man nichts, zeitweise keinen einzigen Tag im Voraus; die Betreuung bleibt beizeiten ein Glücksspiel. Ob also alle mitmachen. Ob alle gesund bleiben. Oder ob am Ende alles zusammenkracht. Es wird aber besser werden, das wird es doch immer. Dann ist nämlich Frühling.
Es brennt, mein kleiner Finger steht in Flammen. Aber nur sinnbildlich: Es ist keine spontane Selbstentzündung, die mir widerfuhr, nur ein gewisses Pech, denn ich erwischte mit der Hand eine Wespe – und die stach prompt zu. So ist das nun. Mein Körper reagiert verstimmt und mit einer allergischen Reaktion.
Die Frau am Ende der Leitung ist recht genervt und schlecht gelaunt. Tja, ich solle in der Bereitschaftspraxis vorbeischauen, in Celle, im Krankenhaus. Die 116117 hilft, wenn Hausärzte schon Feierabend haben, der «Notfall» das Leben aber nicht akut bedroht – sonst: 112. Ich stelle mir vor, dass da viele seltsame Leute anrufen. Ich wäre auch mies gelaunt, zumal heute Freitag ist.
weiterlesenLanges Wochenende in Lüneburg; ich bin 40 geworden. Wir wohnen in einer Wohnung in der Johannisstraße, in der putzige Häuser stehen, die urgemütlich wirken – vor allem das Haus gegenüber, in dem offenbar ein junges Paar mit Kind wohnt. Sie haben Freunde da, sie sitzen gemeinsam am großen Tisch und reden. Ich bin der Stalker von gegenüber, der sie sozusagen beobachtet. Es geht fast nicht anders: Die Häuser stehen allesamt eng beieinander – wenn ich also aus dem Fenster schaue, schaue ich unweigerlich in deren Haus, das schön beleuchtet ist.
Als wir am Donnerstag ankommen, müssen wir einkaufen. Es ist heiß, die Sonne brennt. Wir überqueren einen grauen Parkplatz, auf dem Fußgänger nicht sein sollen. Nur Autos, überall Autos. Städte sind einfach nicht für Hitze ausgestattet – es gibt kaum Schatten, manchmal nur zufällig. Alles ist betoniert und versiegelt. Auf diesem Parkplatz gibt es einen Denn’s neben Aldi, es wird quasi ein Bogen gespannt, von billig bis Bio. Wir kaufen ein Abendessen und essen es später an unserem runden Tisch.
In Lüneburg gibt es ein tolles Café: das Bell and Beans. Der Flat White dort ist köstlich. Sowieso hat Lüneburg erstaunlich viele Cafés, in denen ich den ganzen Tag herumsitzen möchte, um zu lesen. Aber das geht nicht, denn der liebe Sohn möchte noch auf den Spielplatz und durch die Gegend laufen und irgendwo hochklettern. Mittagessen im Zwei Lieben: Dort servieren sie neapolitanische Pizza. Ein Gast hatte sich erkundigt, ob es auch Pizza Hawaii gibt. Die Bedienung war erzürnt: Natürlich gibt es die hier nicht!
Super Parkwunder – dümmer geht es kaum
Der Nachbar ist besessen vom Parkverhalten anderer. In der Straße ist es eng, Parkplätze sind deshalb Mangelware. Wer schlecht parkt, der vergeudet wertvollen Platz – meint der Nachbar. Wir sind auch mit dem Auto angereist, weil uns die Bahn im Stich gelassen hat: «Fahrt entfällt». Der Nachbar findet, dass unser Auto doch etwas anders stehen sollte; schräger. Er erklärt, wie er das machen würde. Wir machen es so und der Nachbar ist geradezu begeistert. Es können an diesem Abend also fünf Autos vor den Häusern parken. So wünscht es sich der Nachbar täglich. Ich möchte echt kein Auto besitzen.
Als an einem anderen Tag ein Fiat 500 nicht optimal vor den Häusern parkte, gestaltete der Nachbar ein Schild und klemmte es hinter den Scheibenwischer. Darauf stand: «Super Parkwunder – dümmer geht es kaum!» Die Pappe fiel jedoch zu Boden. Die Fiat-Fahrerin hat es nie gelesen.
Ein Jahr, das sich nach wenigen Monaten anfühlte, ist vorbei. Das erste Krippenjahr ist geschafft – dabei war eben noch der erste Tag. Einige Kinder wurden nun verabschiedet, auch Eltern gehen und Ämter wechseln. In unserer Elterninitiative gab es viele Höhen und Tiefen, seltsame Dramen und bedauerliche Kündigungen. Eine interessante Erfahrung war das, doch einiges hätte nicht sein müssen. Immerhin verlief die Eingewöhnung vor einem Jahr nahezu perfekt, und dem lieben Sohn gefällt es weiterhin hervorragend in der Kita. Am Ende geht es nur darum. Jetzt folgt – nach einer Sommerpause – das zweite Jahr. Für uns auch schon: das letzte Krippenjahr. Danach geht es für den lieben Sohn weiter in den «richtigen» Kindergarten. Hoffentlich ohne Dramen.
Würden wir ein Auto besitzen, wären wir in den Pkw gestiegen und hätten anderthalb Stunden später unser Ziel erreicht. Aber wir haben gar kein Auto. Also ließen wir uns zuerst nach A. chauffieren, denn es fuhr kein ICE von B. und von D. ohnehin nicht. Also verbrachten wir 30 Minuten in einem Auto und dann weitere 100 Minuten in der S-Bahn. Wir stiegen an der zweiten Haltestelle ein, die der Zug ansteuerte und er war bereits erstaunlich voll. Wir quetschen uns mit dem Sohn auf zwei Sitze im 4er; uns gegenüber sitzt ein Paar, das still leidet. Gemeinsam schauen sie auf dem Smartphone des Mannes einen Film. Dann schläft er ein und sie starrt aus dem Fenster. Der Sohn kann sich immerhin an seinem Sticker-Heft erfreuen. Die S-Bahn juckelt durch das Land. Schön ist es, das schon. Die Wiesen, die Wälder, die Hügel. Würden wir ein Auto besitzen, würden wir vielleicht im Stau stehen.
Samstag. Erst mal zu Kafka & Co., ein Buch kaufen: «Air» von C. Kracht. Keine Ahnung, ob das gut ist, aber ich mochte die anderen Werke von Kracht. Und: Ich hatte noch einen Gutschein, deshalb war das Buch quasi gratis. Danach etwas essen und noch ins Halbstark, Flat White trinken – richtig gut! Da sitzen junge Leute, die schlau sind und Reclam-Bücher lesen und Anmerkungen hineinschreiben. Die zwischendurch laut «weird» rufen. So weird alles.
Ich bezahle wie ein Boomer «mit Karte», also mit einem Stück Plastik, weil ich zu faul bin, das am Handy einzurichten. Muss ich aber dringend mal machen, ich möchte doch cool sein. Cool bleiben, cool werden. Mit den geliehenen E-Bikes wieder wegfahren, aus der Stadt raus, hinein ins Wohngebiet. Hier in Detmold haben sie alle diese Boomer-E-Bikes, die mit den fetten Akkus und ohne das Rohr oben. Nett ist es hier.
An der Kasse steht eine Frau und daddelt am Handy herum. Auf dem Kassenband liegen ein paar Sachen von ihr, sie hat keinen Warentrenner platziert – das hole ich nach und räume meinen Warenkorb aus, lege die Waren aufs Band, den schweren Kram zuerst. Weil ich– «Hey! Ich war noch gar nicht fertig!», nölt die Frau plötzlich.
Hektisch schleudert sie dies und das aufs Band. Viel ist es nicht. Die Frau erklärt, dass sie schon mal die App öffnen wollte. Aber die App wollte nicht. Ich heuchle Verständnis. Vorn kassiert der junge Kassierer in Windeseile. Ein Mann stört den Ablauf, er grummelt von der Seite, dass die Flasche nicht geht. Häh? «Der Pfandautomat nimmt die nicht», erklärt er. Der Kassierer sagt ungefähr, dass es ihm egal ist. Die Frau vor mir ist dran. Sie öffnet ihre Tasche, damit der Kassierer hineinschauen kann. Wie devot. Würde ich nie unverlangt machen – dann sieht er ja das Diebesgut! (Scherz.) Die Frau zahlt bar. Knallt dem Knilch die Münzen hin.
WEITERLESENSven drängelt, fährt dicht auf. Er hat’s halt eilig. Hier ist aber nur 30 erlaubt – wegen der Schule, wegen des Spielplatzes, wegen der Kinder. Wir sind schon etwas zu schnell unterwegs, aber alles noch im Rahmen. Wir fahren vor Sven, wir sind ein Hindernis. Weil Sven immer mehr drängelt, fahren wir jetzt exakt 30 km/h, um den Kerl zu ärgern. Als wir abbiegen und er geradeaus fahren kann, gibt Sven ordentlich Gas. Er lässt seine kleine Karre aufheulen, drückt das Gaspedal wütend durch. Sven ist endlich frei. Er ist ein cooler Typ, denkt er, aber eigentlich ist er ein Lump. Zu Hause stopft er Kippen und bald muss er ins Gefängnis wegen der Dateien auf seinem PC. Mama sagt, er soll mal lüften.
Wir sind keine Minute auf der Autobahn, schon klebt der erste Drängler an unserem Heck. Ein junger Kerl im schwarzen BMW. Er heißt vielleicht auch Sven, er findet, dass alle Platz machen müssen, wenn er die Autobahn entlangfährt. Eigentlich sind nur 120 km/h erlaubt, wir fahren schon knapp 140, weil wir Lkw überholen – so viele Lkw, die zwei Spuren füllen. Sven will aber schneller fahren, also drängelt er. Nur, dass vor uns eben auch Autos fahren, die überholen. Es ist nichts zu machen: Sven muss sich in Geduld üben. Er sollte nicht so dicht auffahren, das müsste er wissen, aber es ist ihm egal, er ist ein echter Mann und der beste Autofahrer der Welt. Findet er. Als er uns endlich überholen kann, gibt er ordentlich Gas. Selbstredend. Sven ist wieder schnell. Langsam ist er nur im Kopf.
Kurzurlaub in einem winzigen Dorf in Niedersachsen. Hier ist die Heide, hier leben Wölfe und Kühe. Fußwege gibt es keine.
In der Nähe von Verden (bei Bremen). Überall stehen Bäume und Windräder herum, manche drehen sich, also die Windräder. Überall sind Straßen, die sind nötig, um die Inseln miteinander zu verbinden. Jeder Hof ist eine Insel, und jedes Dorf irgendwie auch, denn sie bestehen oft nur aus vier Häusern. Es gibt kein richtiges Ortsschild, sondern nur eine grüne «Ortshinweistafel». Und Fußwege gibt es auch keine. Da sind nur die Straßen und die Rasenflächen und die uralten Bäume und die alten Häuser und der Hof, auf dem aber nur noch zwei Schweine leben. Die Heideperle hat schon lange zu.
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